Die Startup-Story: Zu Besuch bei EmiLa an der Hochschule für Technik, Stuttgart

In unserer Startup-Story besuchen wir interessante Jungunternehmen aus dem Mobilitätsbereich und sprechen mit ihren Gründern. Inhalt dieser Newsletter-Ausgabe: Zu Besuch bei EmiLa an der Hochschule für Technik in Stuttgart!

© Foto: Markus Heffner
EmiLa an der HFT / Foto: Markus Heffner

Die Startup-Story: FÜNF FRAGEN AN DIE GRÜNDER

Bitte stellen Sie Ihr Startup kurz vor

Wir haben mit EmiLa ein Softwaresystem zur ökologisch optimierten Planung und Durchführung von Dienstreisen und anderen Fahrten aller Art entwickelt. Der Name EmiLa steht dabei für Emissions-Labor. Herzstück der Anwendung sind Algorithmen, die einerseits aus Daten wie Reisekosten, Zeit und Emissionsausstoß die jeweils optimale Route berechnen. Gleichzeitig haben die Nutzer die Möglichkeit, ein persönliches Profil anzulegen und individuelle Faktoren wie vorhandene Abos, Vorlieben oder den Ausschluss von Fußwegen bei Regen zu hinterlegen. Diese Eingaben werden in einem zweiten Rechenmodell berücksichtigt. Die Software kann also nicht nur emissionsarme multimodale Reisen berechnen, es ist gleichzeitig auch ein personalisiertes Routing möglich.

An welche Zielgruppe richtet sich das Angebot?

Im Fokus stehen zunächst Geschäftsreisen, unsere Zielgruppe sind daher Unternehmen, Verwaltungen und Kommunen, teilweise auch Vereine und Verbände. Wir haben schon mit einigen gesprochen und sind auf viel Interesse gestoßen. Derzeit sind wir mit rund zehn Partnern in engem Austausch, die den Ansatz sehr interessant finden und uns bei der weiteren Entwicklung unterstützen wollen. Klimaschutz ist ein Thema, das gesellschaftlich immer wichtiger wird, insbesondere aber auch in Wirtschaft und Industrie. Beispielsweise müssen Unternehmen heute ab einer gewissen Größe einen Klimareport veröffentlichen. Und auch die Kompensation von unvermeidbaren Emissionen ist ein wichtiger Aspekt. Mit EmiLa können sich Unternehmen jederzeit anzeigen lassen, wie ihr ökologischer Fußabdruck gerade ausschaut. Und wer seine Unternehmensökobilanz verbessert, verbessert auch sein Image.

Wie funktioniert EmiLa genau und wo liegen die Vorteile?

Das Grundmodell von EmiLa ist eine klassische Routinganwendung. Ähnlich wie bei Google Maps kann der Nutzer einen Start- und einen Zielpunkt angeben. Dann hören die Ähnlichkeiten aber schon auf. Kerngedanke bei uns ist die Verkehrsmittelwahl, also auf welchem Weg man schnell, kostengünstig und ökologisch von A nach B kommt. Die Anwendung ist zunächst für Deutschland konzipiert, weil wir Schnittstellen zu allen relevanten Verkehrsmitteln und Mobilitätsanbietern vor Ort brauchen, also auch zu Angeboten wie RegioRadStuttgart oder den Sharing-Roller Stella. Aber auch Fernbusse und alle überregionalen Verkehrsmittel gehören zum Portfolio. Der Vorteil gegenüber allen anderen Anwendungen ist, dass über die Bandbreite an Auswahlmöglichkeiten wesentlich mehr Alternativen zur Verfügung stehen und dabei der ökologische Gedanke die zentrale Rolle spielt. Bei Google muss ich selber eingeben, ob ich das Auto oder das Fahrrad nehmen will. EmiLa schlägt dem Nutzer von selber verschiedenen Alternativen vor, beispielsweise auch Fahrgemeinschaften. Und man kann angeben, wie viele Mitreisende man hat, auch das ist bei anderen Anwendungen nicht möglich. Wenn man zu viert von Stuttgart nach Ulm will, kann es dann eben sein, dass der PKW empfohlen wird, da jeder Mitfahrende nur noch ein Viertel des CO2-Fußabdrucks hinterlässt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Die Entwicklung von EmiLa war letztlich ein langer Prozess mit vielen, vielen Schritten. Die Ursprungsidee war, etwas für das Bewusstsein der Menschen und ihrem Verständnis für ökologisches Reisen zu tun. Damit sie sich klarmachen, was es bedeutet, sich ins Auto zu setzen und dahin oder dorthin zu fahren. Im Kern verstehen wir unsere Anwendung daher auch als Beitrag zur Aufklärung. Wir wollen Wissen und Motivation vermitteln, um so eine Selbstbefähigung zum Klimaschutz zu fördern. Daher gehören auch verschiedene Schulungen, In-App-Games, Challenges mit Kolleginnen und Kollegen und andere Gamification-Features zum Umfang. Die spielerische Auseinandersetzung mit dem Thema soll helfen, die Akzeptanz an der Anwendung zu erhöhen. Im Grunde verstehen wir uns als eine Art Beratungsunternehmen, das ein Gesamtpakt für Unternehmen bietet, um ein nachhaltigeres Mobilitätsverhalten zu erreichen.

Wie stellen Sie sich die Mobilität der Zukunft vor?

Egal mit welchem Verkehrsmittel die Menschen künftig unterwegs sind, sie werden sehr viel bewusster mobil sein und die Folgen ihres Verhaltens bei der Entscheidung vor Augen haben. Wer von A nach B will, wird nicht mehr nach Gewohnheit handeln, sondern nach einer bedarfsgerechten und nachhaltigen Möglichkeit suchen, sich also ganz bewusst ökologisch verhalten. Wir hoffen sehr, dass die Mobilität der Zukunft genau so aussehen wird. Und wir hoffen, dass die Türen in diese Zukunft schon bald aufgehen werden. Mit EmiLa hätten wir jedenfalls den richtigen Schlüssel dafür in der Hand.

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EmiLa: die Gründer.
Foto: © Markus Heffner

Rebecca Heckmann (26) ist an der Hochschule für Technik (HfT) im Rahmen des M4_LAB-Projekts als Forscherin angestellt. M4_LAB steht für „Metropolregion 4.0 – Innovation und Transfer aus transdisziplinärer Forschung für energieeffiziente Stadtentwicklung, nachhaltiges Wirtschaften und Produzieren in der Metropolregion Stuttgart“. Zudem ist sie Teamleiterin im Kompetenzzentrum Mobilität und Verkehr und promoviert gerade an der TU Dresden. Zuvor hat sie ihren Bachelor an der HFT in Infrastrukturmanagement gemacht und das Masterstudium „Smart Buildings in Smart Cities – Energieinfrastruktur und Quartierserneuerung“ an der FH Salzburg absolviert.

Sören Kock (26) macht derzeit im Rahmen eines berufsbegleitenden Fernstudiums an der Ferdinand Porsche FernFH seinen Master in Wirtschaftsinformatik. Zuvor hat er an der DHBW ein Bachelorstudium in Wirtschaftsingenieurswesen absolviert. Er arbeitet beim Automobilhersteller Daimler in Böblingen im Bereich Supply Chain Management und beschäftigt sich dabei unter anderem mit der Optimierung von Logistik-Lieferketten unter besonderer Berücksichtigung der CO2-Bilanzen. Zudem ist er an der HFT als Wissenschaftliche Hilfskraft angestellt.

https://www.youtube.com/watch?v=rdHRL1om1pM

Die Startup-Story: HINTERGRUND zu EmiLa

Dienstreisen der ökologischen Art – wie alles begann.

Begonnen hat EmiLa als eines von mehreren Forschungsprojekten, die an der Stuttgarter Hochschule für Technik (HfT) unter dem Label M4_LAB vorangetrieben werden, einem Innovationslabor für die Metropolregion 4.0. Ziel dabei ist es, gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart als Verbundpartner Strategien und Lösungen für eine klimaneutrale Region mit zukunftsfähigen Mobilitätskonzepten und nachhaltiger Industrieproduktion zu entwickeln. Geforscht wird dabei in alle Richtungen, thematische Schwerpunkte sind die Bereiche Stadtforschung, urbane Energiesysteme, nachhaltige Mobilität, Akustik, dreidimensionale Stadtmodellierung und Verhaltensforschung. Im Kern beinhaltet EmiLa ein Softwaresystem zur ökologisch optimierten Planung und Durchführung von Dienstreisen und anderen Fahrten, das derzeit für Anwendungen in ganz Deutschland entwickelt wird. Idee und Konzeption stammen von Rebecca Heckmann, die im M4_LAB als Forscherin angestellt ist und das Projekt insbesondere als „bewusstseinsbildende Maßnahme“ versteht, wie sie sagt. Es sei ihr vor allem darum gegangen, Aufklärungsarbeit zu leisten und den Menschen zu helfen, die Zusammenhänge zwischen Klimaschutz und ihrer eigenen Mobilität besser zu verstehen, betont die 26-Jährige. Im Zuge zahlreicher Studien habe sie festgestellt, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, wie viele Emissionen sie verursachen und welche Mengen mit nachhaltigem Mobilitätsverhalten eingespart werden könnten, so die Wissenschaftlerin, die derzeit an der TU Dresden über dieses „vielschichtige Phänomen“ promoviert.

EmiLA – von der Idee zur umfassenden Softwarelösung für nachhaltiges Diensreisemanagement.

Seit der Geburtsstunde im Jahr 2018 hat das Emissions-Labor immer mehr an Fahrt aufgenommen und es zwischenzeitlich zum offiziellen Startup-Projekt der HFT gebracht. Geholfen haben bei dieser Entwicklung einerseits die Innovationsmanager*innen, Professor*innen und Forscher*innen der Hochschule. Gleichzeitig hat sich um Rebecca Heckmann und ihre Idee ein kleines Team gebildet. Eingestiegen ist im Jahr 2019 insbesondere Sören Kock, der einiges an praktischer Erfahrung im Bereich Supply Chain Management mitbringt und derzeit in einem Fernstudium seinen Master im Bereich Wirtschaftsinformatik macht. Ursprünglich sei die Anwendung für private Reisen angedacht worden, erzählt er. „Dann haben wir uns aber schnell auf Dienstreisen fokussiert.“ Zum Leistungsumfang gehört daher nicht nur das klassische Routing, also die Wahl der Verkehrsmittel und Strecken, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Über die Software könne der gesamte Prozess einer Geschäftsreise abgewickelt werden, von der Planung und Durchführung bis zur Abrechnung, Spesenerstattung und dem Umweltreporting. „Unternehmen stehen immer mehr in der Pflicht, ihre Ökobilanz zu verbessern“, sagt Rebecca Heckmann: „EmiLa kann dabei helfen, das Mobilitätsverhalten nachhaltig zu verändern.“

EmiLa setzt auf ein verändertes Mobilitätsverhalten: „Es ist an der Zeit, eingefahrene Routinen zu verlassen und umzuplanen.“

Der erste Prototyp der Anwendung ist fast fertig, rund zehn Unternehmen und kommunale Verwaltungen aus verschiedenen Bereichen haben bereits Interesse signalisiert und ihre Unterstützung zugesagt. Der Markteintritt ist für Ende 2022 geplant. Voraussetzung dafür ist, dass eine der aktuell beantragten Förderungen bewilligt wird. Einen Alternativplan haben die Gründer natürlich auch, doch zunächst heißt es abwarten und weiterentwickeln. Konzipiert ist EmiLa als Progressive Web App, einer Art Symbiose aus einer responsiven Webseite und einer App, die sowohl auf dem Smartphone als auch auf dem Tablet, Laptop oder PC läuft. „Die Anwendung kann so in jeder Situation genutzt werden“, sagt Rebecca Heckmann, die EmiLa zwei Erfolgfaktoren zuschreibt: Zum einen die selbst entwickelten Algorithmen als Herzstück der Berechnung, zum anderen die vielen Schnittstellen zu den Mobilitätsanbietern vor Ort. „Wir müssen jedes relevante Angebot in Deutschland anbinden, weil wir für die Berechnung die Live-Daten brauchen“, sagt Sören Kock. In manchen Fällen laufe das sehr unkompliziert, in anderen sei es aufwändig. Der Vorteil dieser Architektur über Schnittstellen ist, dass jedes neue Angebot aufgenommen werden kann und EmiLa immer aktuell bleibt. Den Hauptvorteil und großen Unterschied zu Anwendungen wie Google Maps sehen die Entwickler ohnehin in der großen Bandbreite an Verkehrsmitteln, die EmiLa für eine angefragte Dienstfahrt anbieten kann. In Kombination mit den individuell hinterlegten Angaben der Nutzerinnen und Nutzer sei damit ein personalisiertes Routing unter besonderer Berücksichtigung ökologischer Faktoren möglich, betont Rebecca Heckmann, und es sei auch dringend notwendig: „Es ist an der Zeit, eingefahrene Routinen zu verlassen und umzuplanen.“

Flyer mit Kurzpräsentation zum Download.

EmiLa auf Youtube (https://www.youtube.com/watch?v=rdHRL1om1pM)

Link zur Webseite (https://www.emila.company/).

Ansprechpartnerin bei der Hochschule für Technik Stuttgart, HFT:

Dipl.-Ing. Rebecca Heckmann
StV. Leitung MoVe I Kompetenzzentrum Mobilität und Verkehr
Wissenschaftliche Beratung M4_LAB

T +49 711 8926 2780
rebecca.heckmann@hft-stuttgart.de