WRS-Blitzlicht: Potenziale und Herausforderungen von Homeoffice in der Region Stuttgart

WRS-Blitzlicht: Potenziale und Herausforderungen von Homeoffice in der Region Stuttgart

Homeoffice in der Region Stuttgart.
Foto: © WRS

Die WRS hat im Mai 2020 eine Kurzumfrage in ihrem Netzwerk „Betriebliches Mobilitätsmanagement“ zum räumlich-flexiblen Arbeiten durchgeführt. Ziel dieses Blitzlichts war es einerseits, Einblicke in den Umfang der Arbeit im Homeoffice vor und während des Shutdowns in der Corona-Pandemie zu gewinnen. Im Fokus standen zudem Erkenntnisse zu den positiven Aspekten, zu Potenzialen aber auch zu Schwierigkeiten und Herausforderungen, die das flexible Arbeiten im häuslichen Umfeld mit sich bringt.

Verkehrsaufkommen in der Region Stuttgart

In der Region Stuttgart leben rund 2,8 Millionen Menschen aus 180 verschiedenen Nationen. Laut der Studie „Mobilität in Deutschland 2017“ (durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur), legen diese am Tag im Schnitt 39 Kilometer zurück, was – über alle Verkehrsmittel hinweg – der enormen Verkehrsleistung von rund 39,5 Milliarden Personen-Kilometern im Jahr entspricht. Gleichzeitig beträgt der Anteil des motorisierten Individualverkehrs am Modal-Split (MIV, als Fahrer) in der Region Stuttgart 49 Prozent und führt damit jährlich zu rund 19,4 Milliarden gefahrenen Pkw-Kilometern. Zur besseren Veranschaulichung der Verkehrsleistung: Am Tag fahren wir in der Region mit dem Pkw 140 Mal zum Mond bzw. 1.325 Mal auf Höhe des Äquators um die Erde!

Die Region Stuttgart ist ein dynamischer Ballungsraum und ein hoch innovativer Technologie- und Produktionsstandort. Rund 900.000 Beschäftigte pendeln zu ihrer Arbeitsstelle, 40 Prozent aller zurückgelegten Personen-Kilometer entfallen auf den Berufsverkehr. Die negativen Folgen sind Lärm, Staus und hohe Schadstoffemissionen.

Vor diesem Hintergrund setzen Kommunen, Unternehmen und Betriebe auf ein effizientes und möglichst nachhaltiges betriebliches Mobilitätsmanagement. Das zentrale Ziel ist es, das Mobilitätsverhalten und damit die täglichen Routinen der Beschäftigten in den Pendel- und Dienstreiseverkehren zu verändern. Bekannte Maßnahmen sind finanzielle Zuschüsse zum Firmenticket, die Förderung des Radverkehrs durch die Bereitstellung von sicheren Radabstellanlagen, Duschmöglichkeiten für die Beschäftigten oder die Unterstützung von Fahrgemeinschaften im Betrieb durch die Bereitstellung eines firmeninternen Mitfahrportals.

Ein weiterer vielversprechender Ansatz, der durch die Corona-Pandemie enorm an Bedeutung gewonnen hat, ist das räumlich-flexible Arbeiten, oft auch als remote working, flexible working oder Homeoffice bezeichnet. Diese Formen des mobilen Arbeitens sind nicht gleichzusetzen mit der klassischen Telearbeit, die ihren Ursprung Anfang der 1970er Jahre in den USA hatte, seinerzeit angetrieben von der Energieknappheit durch die Ölkrise von 1973. Zu Beginn der 1980er Jahre wurde Telearbeit auch in Deutschland eingeführt, seither werden die Vor- und Nachteile dieser Arbeitsform diskutiert.

Telearbeit, mobiles Arbeiten, Homeoffice

Nach § 2 (Begriffsbestimmungen) Absatz 7 ArbStättV des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) sind Telearbeitsplätze

„vom Arbeitgeber fest eingerichtete Bildschirmarbeitsplätze im Privatbereich der Beschäftigten, für die der Arbeitgeber eine mit den Beschäftigten vereinbarte wöchentliche Arbeitszeit und die Dauer der Einrichtung festgelegt hat. Ein Telearbeitsplatz ist vom Arbeitgeber erst dann eingerichtet, wenn Arbeitgeber und Beschäftigte die Bedingungen der Telearbeit arbeitsvertraglich oder im Rahmen einer Vereinbarung festgelegt haben und die benötigte Ausstattung des Telearbeitsplatzes mit Mobiliar, Arbeitsmitteln einschließlich der Kommunikationseinrichtungen durch den Arbeitgeber oder eine von ihm beauftragte Person im Privatbereich des Beschäftigten bereitgestellt und installiert ist.“ (ArbStättV, Novellierung vom 30. November 2016).

Im Gegensatz zur Telearbeit ist mobile Arbeit nicht gesetzlich geregelt und nicht an einen festen, vom Arbeitgeber eingerichteten Arbeitsplatz gebunden. Zur Abgrenzung von mobiler Arbeit und Telearbeit erarbeitete der Ausschuss für Arbeitsstätten des BMAS folgende Empfehlung:

„Andere flexible Arbeitsformen der beruflich bedingten „mobilen Arbeit“, wie z. B. eine sporadische, nicht einen ganzen Arbeitstag umfassende Arbeit mit einem PC oder einem tragbaren Bildschirmgerät (z. B. Laptop, Tablet) im Wohnbereich des Beschäftigten oder das Arbeiten mit Laptop im Zug oder an einem auswärtigem Ort im Rahmen einer Dienstreise fallen nicht unter den Anwendungsbereich der ArbStättV für Telearbeitsplätze.“ (ASTA, 07.11.2017)

Homeoffice entspricht also nicht Telearbeit, sondern kann als eine flexiblere Form des mobilen Arbeitens im häuslichen Umfeld interpretiert werden. In ihrem Blitzlicht zum räumlich-flexiblen Arbeiten in der Region Stuttgart hat die WRS folgendes Verständnis zugrunde gelegt:

Homeoffice ist das Arbeiten im häuslichen Umfeld des/der Beschäftigten mit einem Laptop oder einem PC und gegebenenfalls mit weiterer technischer Infrastruktur, aber ohne die Bereitstellung eines fest eingerichteten Arbeitsplatzes durch den Arbeitgeber. Der Umfang der Arbeit kann wenige Stunden im Homeoffice bis zu einer 5-Tage-Woche (Vollzeit) umfassen.

Homeoffice gewinnt während der Corona-Pandemie enorm an Bedeutung

Die Umsetzung von räumlich-flexiblem Arbeiten im Homeoffice oder auch im ortsnahen Coworking-Center ist ein effizientes Instrument, um unnötigen Verkehr in den berufsbedingten Stoßzeiten am Morgen und am Nachmittag zu vermeiden. Zusätzlich zeigen verschiedene Untersuchungen – bei richtiger Umsetzung – eine Reihe von möglichen Vorteilen für Arbeitgeber und Beschäftigte auf, wie beispielsweise eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit, niedrigere Krankenstände, eine größere Effektivität und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dennoch wurden die Möglichkeiten mobil-flexibler Arbeit laut Studien des DIW vor der Corona-Krise bei Weitem nicht ausgeschöpft: Nur jeder Achte arbeitete tatsächlich beruflich von zu Hause aus. Nach den Ergebnissen einer Mitte März 2020 veröffentlichten Studie des IT-Branchenverbandes Bitkom, arbeitete während des Shutdowns in Deutschland dagegen rund jeder zweite Beschäftigte bereits ganz oder teilweise im Homeoffice.

Auch in den Städten und Gemeinden der Region Stuttgart waren Büroflächen und Straßen zeitweise wie leergefegt. Der VVS meldete im April 2020 enorme Umsatzeinbrüche bei den Fahrgastzahlen im ÖPNV. Langsam normalisiert sich die Situation wieder und die Beschäftigten kehren begleitet von strengen Sicherheits- und Hygienekonzepten zumindest teilweise an ihre Arbeitsplätze zurück. Es steht aber die Vermutung, dass die Corona-Pandemie und die von Führungskräften und Beschäftigten gewonnenen Erfahrungen mit flexiblen Arbeitsformen die Arbeitswelten von morgen maßgeblich verändern werden.

Vor diesem Hintergrund hat die WRS im Mai 2020 eine Kurzumfrage zum räumlich-flexiblen Arbeiten durchgeführt. Ziel des Blitzlichts war es, Einblicke in den Umfang der Arbeit im Homeoffice vor und während des Shutdowns zu gewinnen sowie Erkenntnisse zu den positiven Aspekten, zu Potenzialen aber auch zu Schwierigkeiten und Herausforderungen, die das flexible Arbeiten im häuslichen Umfeld mit sich bringt.

Für die Erhebung hat die WRS in ihrem regionalen Netzwerk „Betriebliches Mobilitätsmanagement“ an 72 Empfänger einen Fragebogen versendet, der Rücklauf umfasste 44 Fragebögen und entspricht einer sehr guten Rücklaufquote von 61 Prozent. Von den Teilnehmenden der Erhebung arbeiten 15 Personen in einer Kommunal-/Landkreisverwaltung, elf Personen arbeiten in der Privatwirtschaft, sechs im Hochschulbereich und zwölf in einer sonstigen Organisation (z.B. Klinikum, Krankenkasse, kirchliche Einrichtung).

Zusammenfassung der Kernergebnisse

Das Blitzlicht zum Homeoffice basiert auf einer regionalen Stichprobe von 44 Teilnehmenden der Erhebung (im Folgenden als „Befragte“ bezeichnet). Die Rücklaufquote beträgt 61 Prozent.

  • Vor der Corona-Pandemie arbeiteten nur sechs Befragte (knapp 14%)  regelmäßig an drei bis fünf Tagen zuhause, aber 26 Befragte (ca. 59%) grundsätzlich nicht im Homeoffice. Dagegen arbeiteten während des Shutdowns 29 Befragte (66%) an drei bis fünf Tagen im häuslichen Umfeld und nur fünf Befragte (ca. 11%) nicht im Homeoffice.
  • Zeit- und Geldersparnis, Klimaschutz und konzentriertes Arbeiten wurden als besonders positive Aspekte des Homeoffice bewertet.
  • Insbesondere die mangelnde Kommunikation mit Kollegen*innen, fehlende Trennung von Beruflichem und Privatem und Störungen/Ablenkungen wurden als negative Aspekte benannt. Das Home-Schoolings wegen der Schulschließungen während des Corona-Shutdowns wurde von verschiedenen Befragten als sehr schwierig bewertet!
  • Die E-Mail ist das von den Befragten am häufigsten genutzte Kommunikations-mittel im Homeoffice.
  • In der Privatwirtschaft und den weiteren an der Befragung beteiligten Organisationen werden regelmäßig Videokonferenzen durchgeführt. Dagegen setzt der Großteil der Befragten aus Kommunen/Landratsämtern (71,4%) keine Videokonferenzen ein.
  • Die größten Verbesserungspotenziale hinsichtlich der technischen Ausstattung liegen in der Steigerung der technischen Performance (z.B. von Servern, VPN-Zugängen und Softwareprogrammen), im effizienten Einsatz von Videokonferenzen / Kommunikationsprogrammen sowie in der Anpassung des technischen Standards im Homeoffice an den Bürostandard (hinsichtlich PC, Telefon, Bildschirmgröße, Mikrofon etc.).
  • Insgesamt sind die Befragten aus der Privatwirtschaft im Homeoffice technisch besser ausgestattet als die Befragten aus dem öffentlichen Dienst.
  • Als Schlüsselkriterien für ein erfolgreiches Arbeiten im Homeoffice wurden am häufigsten die zuverlässige/effiziente technische Infrastruktur, ein gut (und ergonomisch) ausgestatteter Arbeitsplatz sowie eine effiziente Meeting- und Kommunikationskultur zur Sicherstellung des regelmäßigen Informationsflusses im Team genannt.
  • Von den 44 Teilnehmenden der Erhebung bewerten 38 Befragte das Arbeiten im Homeoffice als positiv (16) oder sogar sehr positiv (22).
  • Für die Zukunft wünscht sich der Großteil der Befragten, einen (elf Befragte) zwei (15 Befragte) oder drei Tage (zwölf Befragte) im Homeoffice zu arbeiten.
  • Vollzeit im Homeoffice ist keine erwünschte Option! (Vollzeit im Büro allerdings auch nicht).

Hier finden Sie die Zusammenfassung der Ergebnisse mit Grafiken sowie die detaillierten Ergebnisse des WRS-Blitzlichts zum Homeoffice vom Mai 2020  zum Download.

Ausblick und weitere WRS-Aktivitäten

Die Kommentare und Anmerkungen der Befragten haben gezeigt, dass die überwiegende Mehrzahl der Befragten das mobile, räumlich-flexible Arbeiten als (sehr) positiv bewertet – wobei Startschwierigkeiten vorausgingen, z.B. weil zu Beginn des Shutdowns die Technik nicht richtig funktionierte oder weil aus Gründen des Datenschutzes vom Homeoffice aus nicht auf benötigte Dokumente und Unterlagen auf dem Server zugegriffen werden konnte. Durch den Wegfall der Anreise zur Arbeitsstelle sparen die Beschäftigten durch flexiblere Arbeitsformen wertvolle Zeit, die sie sinnvoll einsetzen und bspw. mit der Familie, mit Sport, mit anderen Freizeitbeschäftigungen oder mit ehrenamtlichem Engagement verbringen können. Auch für die Reduzierung von unnötigen Pendelverkehren und damit für die Reduktion des Verkehrsaufkommens insgesamt wird von Experten ein enormes Potenzial im raum-zeitlich flexiblen Arbeiten vermutet.

Vor diesem Hintergrund beteiligt sich die WRS ab September 2020 an dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt „VENAMO – Verkehrsentlastung durch neue Arbeitsformen und Mobilitätstechnologien“. Die Projektpartner untersuchen gemeinsam mit der WRS und einem regionalen Netzwerk von assoziierten Partnern aus der öffentlichen Hand und der Privatwirtschaft die Potenziale von räumlich-flexibler Arbeit in Hinsicht auf die Verkehrsentlastungseffekte in der Region Stuttgart. Darauf aufbauend werden von den Verbundpartnern konkrete Gestaltungsoptionen für Kommunen und Betriebe entwickelt und pilothaft umgesetzt.

Projektpartner

  • Zeppelin Universität Friedrichshafen
  • ZIRIUS – Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung an der
    Universität Stuttgart
  • KIT – Karlsruher Institut für Technologie
  • Verband Region Stuttgart
  • Balluff GmbH
  • WRS und weitere Partner aus dem regionalen Netzwerk „Betriebliches Mobilitätsmanagement“ (assoziierte Partner).

Außerdem beteiligt sich die WRS am Projekt Next Office. Ziel ist der regionsweite Aufbau von Coworking-Spaces und Pendlerstationen zur Implementierung neuer Arbeitsformen in der Region Stuttgart.

Ansatz: In ausgewählten Städten rund um Stuttgart buchen Stuttgarter Arbeitgeber Zeit-bzw. Flächenkontingente in einem zentralen Bürogebäude, so dass ihre Mitarbeiter an einzelnen Tagen nicht nach Stuttgart anreisen müssen. Angebotsergänzungen machen Next Offices zu Kristallisationspunkten der Entwicklung der Umlandzentren. Auf Basis von Pendler- und Arbeitgeberbefragungen wird ein Konzept entwickelt und in einem Arbeitgeber-Dialog diskutiert.

Das erste Pilotprojekt soll in der Stadt Kirchheim unter Teck umgesetzt werden. Weitere Projektpartner sind die Stadt Kirchheim u. T. und die GEFAK Kommunalberatung mbh.

Ansprechpartnerin:

Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS)

Alexandra Bading
alexandra.bading@region-stuttgart.de
Tel.: 0711 228 35-35