„Unser größter Konkurrent steht nebenan in der Garage" - Interview mit Dr. Dirk Rothenstein, Vorsitzender der Geschäftleitung der S-Bahn Stuttgart.

„Unser größter Konkurrent steht nebenan in der Garage“ – Interview mit Dr. Dirk Rothenstein, Vorsitzender der Geschäftleitung der S-Bahn Stuttgart.

Ohne S-Bahn läuft wenig in der Region Stuttgart – zumindest war das bisher so. In den vergangenen Monaten musste das seit vielen Jahren wichtigste Verkehrsmittel des ÖPNV im Zuge der Corona-Krise massive Fahrgasteinbrüche hinnehmen. Dirk Rothenstein, Vorsitzender der Geschäftsführung, sieht in der Krise aber auch eine Chance, um mit neuen Angeboten gestärkt in die Zukunft zu schauen und als Taktgeber die Verkehrswende voranzutreiben. Ein Gespräch über Taktzeiten, Homeoffice, Komfortzonen und intelligente Zugangssysteme.

Dr. Dirk Rothenstein_Portrait.
Foto: © Gottfried Stoppel

Herr Dr. Rothenstein, Sie sind Vorsitzender der Geschäftsleitung der S-Bahn Stuttgart, die seit der Corona-Krise auf einmal wieder um Fahrgäste kämpfen muss. Waren Sie selbst in den vergangenen Wochen mit der S-Bahn unterwegs?

Ich wohne in Pfullingen und nutze auf dem Weg ins Büro nach Plochingen oder zu Terminen in Stuttgart seit jeher regelmäßig verschiedene Verkehrsmittel. Den Zug, den Interregio-Express, die S-Bahn und übrigens auch das Fahrrad- und Pedelec-Verleihsystem RegioRadStuttgart. Das war in den vergangenen Wochen – soweit die Anwesenheiten möglich waren – nicht anders. Mit dem Auto zu fahren ist keine wirkliche Alternative, das dauert in der Regel doppelt so lange. Es war zu jeder Zeit möglich, sicher mit der S-Bahn zu fahren, daher habe ich das auch gemacht. Wir arbeiten jeden Tag daran, dass die Fahrgäste das gleiche Komfortgefühl und Sicherheitsempfinden in der S-Bahn haben wie vor der Corona-Zeit.

Dennoch sind die Fahrgastzahlen seit April teilweise dramatisch eingebrochen. Wie ist die aktuelle Situation?

Also zunächst einmal muss man sehen, dass die S-Bahn das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel in der Region Stuttgart ist. Wir haben den Anspruch und die Aufgabe, für alle Pendler und Berufsgruppen ein attraktives Angebot zu machen. Die Auswirkungen der Corona-Krise mit all ihren Beschränkungen und Maßnahmen haben wir natürlich deutlich in allen Bereichen zu spüren bekommen. Alleine in der Hochphase im April sind 80 bis 90 Prozent unserer Fahrgäste zuhause geblieben. Die Fahrgeldeinnahmen im so genannten Gelegenheitsverkehr sind fast komplett ausgeblieben. Dennoch haben wir in Abstimmung mit dem Verband Region Stuttgart unser Angebot immer aufrechterhalten, um eine Grundversorgung sicherzustellen, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter systemrelevanter Berufe zuverlässig zum Arbeitsplatz fahren konnten, also in Krankenhäuser, Pflegeheime oder Supermärkte.  Anfangs sind wir im Stundentakt gefahren, mit der Zeit dann wieder öfter. Natürlich fehlen nach wie vor Fahrgäste, im Juni hatten wir vielleicht 50 Prozent der üblichen Auslastung.

Experten prognostizieren, dass viele Menschen zumindest teilweise an Homeoffice und Online-Shopping festhalten werden und sich damit die bisherigen Gewohnheiten ändern. Das hat Folgen für die Innenstädte, in denen in den vergangenen Wochen viele Läden schließen mussten. Wie wollen Sie die Fahrgäste zurückgewinnen?

Das Wichtigste ist jetzt, Vertrauen zurückzugewinnen. Die Menschen müssen wissen und spüren, dass es jederzeit möglich ist, die Verkehrsmittel des ÖPNV sicher zu nutzen. Um zu zeigen, was wir alles für diese Sicherheit unternehmen, haben wir, die DB, die Kampagne „Sicher reisen – gemeinsam geht das“ gestartet. Dabei wollen wir auch klarmachen, was die Fahrgäste selbst beitragen müssen. Abstand halten, auf dem Bahnsteig und im Zug eine Mund-Nasenschutzmaske tragen, Rücksicht nehmen. Ich bin überzeugt davon, dass wir in eine neue Normalität zurückfinden werden. Der Anteil der Menschen, die ins Büro zur Arbeit gehen, wird steigen. Auch der Freizeitverkehr wird wieder mehr werden. Ich gehe aber nicht davon aus, dass wir am Jahresende auf dem Niveau sind, auf dem wir zu Beginn des Jahres gefahren sind. Wir werden in der Schlussbilanz wohl deutlich unter den Zahlen der Vorjahre liegen. Die spannende Frage ist, wie schnell wir das in den nächsten Jahren wieder aufholen können.

Vertrauen ist gut, neue Angebote sind besser. Sehen Sie das auch so?

Wenn sich die Rahmenbedingungen oder das Verhalten von Menschen ändern, muss ein Dienstleister wie die S-Bahn reagieren, das ist richtig. Aktuell läuft im Verkehrsverbund beispielsweise eine Diskussion, welche alternativen Tarifangebote es geben könnte, um auf die veränderten Bedingungen einzugehen. Wenn Pendler nicht mehr jeden Tag ins Büro fahren, sind vielleicht andere Formate als ein Monatsabo vorstellbar. Eine Überlegung ist auch, ein Check-in/Be-out-Verfahren einzuführen, bei dem die Fahrgäste kein Ticket mehr kaufen müssen. Ein Tastendruck auf dem Smartphone reicht. Es gibt viele Überlegungen und Szenarien die darauf abzielen, Fahrten mit dem ÖPNV noch einfacher zu machen, um neue Fahrgäste zu gewinnen.

S3 am Bahnhof Leinfelden.
Foto: © Gottfried Stoppel

Auch andere nachhaltige Mobilitätsdienstleistungen wie Carsharing oder E-Scooter-Verleihsysteme, die für die erste und letzte Meile wichtig sind, mussten enorme Umsatzeinbrüche hinnehmen. Vielerorts hatte das intermodale Verkehrssystem schon gut funktioniert, zwischenzeitlich mussten aber viele Angebote eingestellt werden. Ist der ÖPNV mit seinen Zusatzangeboten der große Verlierer der Corona-Krise?

Wir haben jedenfalls einen Dämpfer bei unseren Bemühungen bekommen, vernetzte Mobilität mit dem ÖPNV als Taktgeber flächendeckend auszubauen. In den vergangenen Wochen und Monaten hat sich das Mobilitätsverhalten sehr verändert. Die Menschen sind zu Hause geblieben, haben verstärkt das Fahrrad genutzt oder sind einfach zu Fuß gegangen. Nun stehen wir vor der Herausforderung, uns und die alternativen Verkehrsmittel wieder in Erinnerung zu rufen. Ich gehe aber sehr davon aus, dass es eine Rückbesinnung auf den ÖPNV geben und unsere Stärke, eine Vielzahl an Fahrgästen in kurzer Taktung zu befördern, auch wieder gefragt sein wird. Im April konnte man mit dem Auto in 35 Minuten von Reutlingen nach Stuttgart fahren, das geht schon längst nicht mehr.

Mit welchen Maßnahmen soll diese Rückbesinnung befördert werden – also was unternimmt die S-Bahn konkret für die Sicherheit der Fahrgäste?

Wer heute mit der S-Bahn fährt, dem wird als Erstes auffallen, dass an den Stationen zentral alle Türen automatisch öffnen. Es muss niemand mehr auf den Knopf drücken. Dieses automatische Türöffnen hat den positiven Begleiteffekt, dass die Züge an jeder Station durchlüftet werden, also im Schnitt alle zweieinhalb Minuten. Gleichzeitig desinfizieren wir einmal am Tag alle Kontaktflächen in den Zügen. Zudem versorgen wir die Fahrgäste auf allen Kanälen mit Hinweisen zum richtigen Verhalten im Zug und auf dem Bahnsteig. Dazu gehört beispielsweise auch, die komplette Bahnsteiglänge zum Einsteigen zu nutzen. Damit soweit es geht der Abstand gewährt ist, fahren wir in der Hauptverkehrszeit mit allem, was wir haben, also mit maximaler Kapazität.

Sind das nachhaltige Maßnahmen, die dauerhaft bleiben? Dass die Türen automatisch aufgehen, ist ja komfortabel, etwa auch für Mütter mit Einkaufswagen oder Pendler mit Fahrrad.

Jede Medaille hat zwei Seiten, das gilt auch in diesem Fall. Einerseits ist es komfortabel, wenn sich die Türen automatisch öffnen. Andererseits kann es im Hochsommer sehr warm und im Winter unangenehm kalt in der Bahn werden, wenn alle zweieinhalb Minuten alle Türen aufgehen. Wir werden uns das genau anschauen, ob sich die Fahrgäste im Komfort beeinträchtigt fühlen.

S-Bahn in der Region Stuttgart.
Foto: © Gottfried Stoppel

Ein ganz anderes Thema: Bis 2025 sollen 125 Streckenkilometer der S-Bahn in der Region mit neuer digitaler Leit- und Sicherheitstechnik (ETCS Level 2) ausgestattet werden. Bis 2030 dann alle Strecken, mindestens bis zu den Endhaltepunkten der S-Bahn. Wie ist der aktuelle Stand des Projektes? Steht der Bund zu seinen Finanzierungszusagen, trotz der massiven Ausgaben für die neuen Corona-Konjunkturprogramme?

Wir hatten in den letzten zehn Jahren rund 30 Prozent Fahrgastzuwachs zu verzeichnen, das ist eine enorme Entwicklung. Um Schritt zu halten mit unseren Angeboten, haben wir unter anderem den 15-Minuten-Takt ausgeweitet und werden nun mit dem Verband Region Stuttgart als Träger der S-Bahn 58 zusätzliche Fahrzeuge anschaffen. Auch wir sind also auf Wachstumskurs. Das große Problem, das viele Ballungszentren haben, ist die limitierte Infrastruktur. In Stuttgart gibt es nur eine Stammstrecke, auf der alle Linien zusammenkommen. Dazu müssen wir mit über 50 Prozent Mischverkehrsanteil auf den Strecken zurechtkommen und haben auch noch teilweise eingleisige Streckenabschnitte. All das wirkt sich nicht günstig auf die Wachstumsmöglichkeiten aus. Wir können auf der Stammstrecke mit minimal zweieinhalb Minuten Abstand fahren, das heißt 24 Züge pro Stunde und Richtung, mehr geht einfach nicht. Das heißt auch, dass wir den 15-Minuten-Takt nicht weiter verkürzen können. Vor diesem Hintergrund ist es enorm wichtig und richtig, auf digitale Technik zu setzen, also auf das European Train Control System ETCS, das die Strecken robuster macht und eine Ausweitung des Verkehrsangebots ermöglicht. Wir sind mitten in der Vorbereitung und wenn alles planmäßig läuft, wovon wir fest ausgehen, werden wir Ende 2025 mit Unterstützung von Verband Region Stuttgart, Land und Bund eine neue Ära bei der S-Bahn einläuten können.

Eine neue Ära wird auch mit der Inbetriebnahme von Stuttgart 21 und der neuen Haltestelle Mittnachtstraße beginnen. Was versprechen Sie sich davon?

Die neue Haltestelle in zentraler Innenstadtlage wird zu einer deutlichen Entzerrung der bisherigen Umsteigesituation führen, weil die Linien aus dem Norden und dem Süden bereits dort zusammenkommen. Bisher läuft der Großteil des Verkehrs über den Hauptbahnhof, der dann deutlich entlastet wird, weil sich die Pendlerströme anders verteilen. Dazu kommen noch neue Angebote wie die Metropolexpresslinien des Landes, mit denen Pendlerinnen und Pendler aus dem weiteren Umland schneller nach Stuttgart kommen. Gleichzeitig wird die S-Bahn weiter wachsen. Wir denken in alle Richtungen, an eine Erweiterung Richtung Nürtingen beispielsweise und die Fortführung zweier Linien von der Haltestelle Schwabstraße nach Vaihingen oder nach Böblingen und Ehningen. All das sind deutliche Verbesserungen, die den ÖPNV stärken und eine wichtige Voraussetzung für die Verkehrswende sind, die unbedingt notwendig ist und auch umwelt- und klimapolitisch gefordert wird.

S3 bei Nellmersbach mit Blick auf Bürg.
Foto: © Gottfried Stoppel

Wo würden Sie den Hebel für diese Verkehrswende ansetzen?
Wir müssen den Anteil des ÖPNV am Modal Split, also der Aufteilung der Nachfrage auf verschiedene Verkehrsmittel, weiter steigern. Unser größter Konkurrent steht nach wie vor nebenan in der Garage und ist bequem erreichbar. Wir müssen daher Angebote entwickeln, die so attraktiv und überzeugend sind, dass das Auto in der Garage stehen bleibt. Es ist ein Zusammenspiel aus vielen Faktoren. Einerseits braucht es eine vernetzte Mobilität, um alle Wege abzudecken. Wir brauchen ausreichend Park & Ride-Plätze, die gut an die Schiene angebunden sind. Wir brauchen alternative Verkehrsmittel wie das RegioRadStuttgart. Und wir brauchen natürlich attraktive Fahrzeuge mit hohem Komfort und Angeboten wie kostenlosem WLAN, bequemen Sitzen und gut klimatisierten Räumen. Und was am wichtigsten ist: Wir müssen die Zugangshürden auf Busse und Bahnen umzusteigen beiseiteschaffen.

Also am besten kostenloser Nahverkehr, was derzeit beispielsweise die Universitätsstadt Tübingen ausprobiert?

Das wäre natürlich am naheliegendsten, ist aber kaum zu finanzieren. Ich denke eher an intelligente Zugangssysteme, eine App beispielsweise, über die man alles machen kann: Parken, die Bahn nutzen, einen Scooter oder das RegioRad ausleihen. So etwas brauchen wir, clever vernetzte Systeme. Wir arbeiten immer wieder mit Start-up-Unternehmen zusammen, die für uns verschiedene Anwendungen entwickeln und frische Ideen einbringen. Was sich letztlich am Markt durchsetzt, wird sich zeigen. Es muss aber einfach bedienbar sein und leichten Zugang zu allen Systemen ermöglichen. Wenn es zu kompliziert ist, werden wir die Verkehrswende nicht hinbekommen.