„Dienstwagen sind die Treiber der Verkehrswende!“

„Dienstwagen sind die Treiber der Verkehrswende!“

IHK Region Stuttgart – Johannes Schmalzl
Foto: Wolfgang List

Bis 2030 sollen in Deutschland eine Million öffentlich zugänglicher Ladepunkte zur Verfügung stehen, zudem sollen laut Koalitionsvertrag 15 Millionen Elektrofahrzeuge auf den Straßen unterwegs sein. Umgesetzt werden müssen die ambitionierten Ziele der Bundesregierung letztlich in den Landkreisen und Städten. Wir beleuchten in einer Interview-Reihe, wo die Region Stuttgart aktuell steht. Im vierten Teil der Serie erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Johannes Schmalzl, was die Unternehmen bisher erreicht haben und welche Erwartungen es an die Politik es gibt.

Herr Schmalzl, die IHK Region Stuttgart ist als Interessenvertretung von rund 165.000 Gewerbetreibenden und Unternehmen ein wichtiges Sprachrohr. Sehen Sie sich auch bei der Mobilitätswende als Vorbild und Botschafter?

Das ist selbstverständlich und unbedingt der Fall. Ich selber bin heute beispielsweise weitgehend autonom von Leinfelden-Echterdingen über die B27 und die Weinsteige in den Stuttgarter Talkessel gefahren. Ein wunderbares Erlebnis, bei dem….

…man viel Vertrauen in die Technik braucht – oder?

Ich habe grenzenloses Vertrauen in die Ingenieurskunst und die Assistenzsysteme. Und wenn wir über die Zukunft des Automobils reden, dann müssen wir das Thema Software in den Fokus stellen. Der Antrieb ist aus meiner Sicht eine eher sekundäre Frage. Autonom von A nach B zu fahren wird in nicht ferner Zukunft etwas ganz Alltägliches sein. Aber zurück zu Ihrer Eingangsfrage: Die IHK hat natürlich eine Vorbildfunktion und wir haben daher schon vor einiger Zeit begonnen, unseren Fuhrpark komplett auf elektrische Autos oder Hybridfahrzeuge umzustellen. Gleichzeitig haben wir hier in Stuttgart und in den Bezirkskammern der Landkreise für unsere Kunden und Beschäftigten Ladesäulen installiert. Derzeit sind es insgesamt 24 Plätze, in nächster Zeit wollen wir diese Zahl noch verdoppeln. Die Technologie wird rasant voranschreiten und wir wollen ganz vorne dabei sein.

Wie sieht es in der Wirtschaft aus – wollen die großen, mittelständischen und vor allem die kleinen Unternehmen in der Region Stuttgart auch vorne dabei sein?

Sie wollen es nicht nur, sondern sie sind bereits ganz weit vorne dabei. In vielen Bereichen ist die Wirtschaft bei der Umsetzung der Elektromobilität viel weiter als die Politik. Alle Unternehmen, ob groß oder klein, haben längst ehrgeizige Klimaschutzziele formuliert und entsprechende Programme aufgelegt. Teilweise haben sie schon Klimaneutralität erreicht, auch ohne Kompensationszahlungen. Die betriebliche Mobilität spielt dabei eine ganz zentrale Rolle. Einerseits geht es um Themen wie Verkehrsvermeidung, Homeoffice, ÖPNV oder Job-Bike. Gleichzeitig werden die Flotten der Dienstwagen umgestellt. Ein Großteil der Fahrzeuge, die neu bestellt werden, haben zwischenzeitlich einen Elektro- oder zumindest Hybridantrieb.

Wäre ein Jahresabo für den ÖPNV nicht das bessere Signal als ein Dienstwagen?

Die sichtbaren Erfolge bei der Elektrifizierung in Stuttgart und der Region, auf die insbesondere die Politik so stolz ist, sind fast ausschließlich bei den Dienstwagen zu verbuchen. Das muss man sich klar vor Augen führen, wenn um so genannte Privilegien wie die Dienstwagenbesteuerung diskutiert wird. Im privaten Bereich sind die Hürden nach wie vor sehr hoch und ein E-Fahrzeug wird in der Regel von der Frau als klassischer Zweitwagen genutzt. Wenn es darauf ankommt und etwa die Fahrt in den Urlaub ansteht, kommt immer noch der Verbrenner zum Einsatz. Das verstehe ich nicht unter Verkehrswende. Ohne die vielen, vielen elektrifizierten Dienstwagen wären wir lange noch nicht so weit – sie sind aus meiner Sicht die Treiber der Verkehrswende.

Zu den Bremsern gehören dagegen eher die Ladestationen, von denen es gefühlt viel zu wenige gibt. Müsste sich die Wirtschaft dabei noch mehr engagieren?

Eine geeignete Infrastruktur sicherzustellen, ist eindeutig die Aufgabe des Staates, das fällt in den Bereich der Daseinsvorsorge. Das gilt für die Versorgung mit Energie – gerade aktuell angesichts einer sich immer mehr zuspitzenden Energiekrise und immens steigender Strompreise, die für die Mobilitätswende extrem hinderlich sind. Daseinsfürsorge gilt aber auch für schnelles Internet und eben für Ladestationen. Auch in einem Mehrfamilienhaus in Heslach muss jede Familie die Möglichkeit haben, ihr E-Auto zu laden. Davon sind wir aber noch Lichtjahre entfernt und entsprechend hoch ist auch das Misstrauen in der Wirtschaft, ob der Staat seine Versprechen einlösen kann und das hinbekommt. Unternehmen wie Mercedes investieren daher aktuell in ihr eigenes Ladenetz, um auf der sicheren Seite zu sein. Die Hauptsorge der Menschen ist doch, ohne Strom liegenzubleiben. Das müssen wir ernst nehmen. Daher braucht es eine Offensive beim Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur.

Was vielfach an den Kosten und den geeigneten Flächen scheitert!

Der Staat alleine kann das nicht stemmen, das ist richtig. Es braucht dazu eine Zusammenarbeit mit privaten Anbietern und Investoren, Kooperationen in alle Richtungen. Es gibt ein Mobilitätsbedürfnis, das erfüllt werden muss. Das ist für die Menschen wichtig und für die Unternehmen. Und wer in einem Mehrfamilienhaus ohne Stellplatz lebt, ist eben überwiegend auf öffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen. Dabei können wir die Kommunen nicht aus ihrer Pflicht entlassen. Es ist natürlich ihre Aufgabe, für eine solche Ladeinfrastruktur zu sorgen. Sonst schneidet man manche Menschen ab von der Mobilität der Zukunft. Länder wie Norwegen machen ja vor, wie es geht. Dort sind die öffentlichen Parkhäuser zu hundert Prozent mit Ladeinfrastruktur ausgestattet. Das muss die Messlatte für ein Land wie Deutschland sein.

Welche Messlatte hat die Wirtschaft dabei für sich aufgelegt?

Die Unternehmen in der Region Stuttgart investieren flächendeckend in den Ausbau der Ladeinfrastruktur, das ist ein eindeutiger Trend. Es wird letztlich darauf hinauslaufen, dass die Menschen ihre E-Fahrzeuge nachts zu Hause laden und tagsüber am Arbeitsplatz. Was der Mobilitätswende gerade noch fehlt, sind Flügel. Wenn man beispielsweise das Steuerrecht attraktiver machen würde, könnte das beflügelnd wirken. In diesem Bereich müsste vieles vereinfacht werden. Gerade kleine und mittlere Unternehmen wollen nicht zum Stromanbieter werden und sich mit technischen und steuerlichen Details herumschlagen müssen. Immer wieder wird an uns herangetragen, dass Antrags- und Planungsverfahren mitunter sechs bis zwölf Monate dauern. Das ist viel zu lange und müsste dringend beschleunigt werden.

Nun steht Stuttgart im zweifelhaften Ruf, Stauhauptstadt zu sein. Daran würde auch ein flächendeckender Umstieg auf Elektromobilität nichts ändern. Müsste nicht der Verkehr drastisch reduziert werden, insbesondere in der City?

Diese Diskussionen führen wir immer wieder und ich kann davor nur warnen. Wer glaubt, die Autos aus den Innenstädten vertreiben zu können, wird erleben müssen, dass damit auch der Einzelhandel vertrieben wird. Stuttgart lebt von den Käufern aus dem Umland und der Handel lebt von der individuellen Mobilität. Es gibt dazu viele Studien, die etwa zeigen, um welche Dimensionen es dabei geht. So geben Menschen, die mit dem Auto kommen, bis zu zehn Mal mehr Geld aus als Menschen, die mit dem ÖPNV anreisen.

Hört sich nicht nach einem Appell an, auf den umweltfreundlichen ÖPNV umzusteigen.

Der Nahverkehr ist natürlich ein extrem wichtiger Faktor beim Erreichen der Klimaziele und der Mobilitätswende. Das steht außer Frage und ich persönlich fahre gerne Bahn, wann immer das sinnvoll und möglich ist. Allerdings habe ich in den letzten Monaten auch Erlebnisse gehabt, die eines Industrielandes nicht würdig sind. Und genau das ist unser Problem. Das 9-Euro-Ticket hat gezeigt, dass man Menschen zum Umstieg mobilisieren kann. Hier müssen Bund und Länder rasch eine Grundsatzeinigung herbeiführen, damit wir eine unbürokratische und einfache Fortsetzung bekommen. Das 9-Euro-Ticket hat aber auch gezeigt, dass der ÖPNV an seine Grenzen kommt. Wenn man das politische Ziel vorgibt, die Fahrgastzahlen zu verdoppeln, muss man auch für ausreichende Kapazitäten sorgen. Die Busse und Bahnen in der Region Stuttgart sind aber nicht für doppelt so viele Fahrgäste ausgelegt. Wir können die Menschen dauerhaft nur zum Umstieg auf den ÖPNV bewegen, wenn das Angebot stimmt. Und nicht, indem wir Alternativen verbieten. Das ist ein ideologischer Weg, der nicht zum Ziel führen wird. Aus Sicht der Wirtschaft ist es auch nicht gut, den Verbrenner zu verbieten. Das schafft Ängste und sorgt für Unsicherheit.

Wie also sehen Sie die mobile Zukunft?

Wir haben in den letzten Jahren eine enorme Verdichtung des Arbeitslebens erlebt, viele Unternehmen sind zwischenzeitlich im 24/7-Modus. Das heißt, viele Menschen müssen auch in Randzeiten vertretbar zu ihrem Arbeitsplatz kommen und zurück. Mit dem ÖPNV geht das oft nicht, weil die Busse und Bahnen nachts gar nicht fahren, besonders im ländlichen Raum. Also braucht es weiterhin individuelle Mobilität, und diese muss vom Staat ermöglicht und gefördert werden. Mobilität ist für die Kommunen und Unternehmen auch ein wichtiger Standortfaktor bei der Suche nach Fachkräften, für Azubis und Studierende aus der ganzen Welt. Autofahren darf nicht zum Luxusgut werden. Die Beschäftigten in der Region müssen sich individuelle Mobilität leisten können, wenn der ÖPNV nicht ihren Bedürfnissen entspricht oder gar nicht fährt. Insgesamt brauchen wir eine nachhaltige und langfristige Strategie und kein ständiges Hin und Her. Kostet der ÖPNV nun oder nicht? Ständig meldet sich jemand mit einem neuen Vorschlag. Da fehlt mir momentan die klare Linie. Ein erster Schritt wäre, dass nicht nur alle Azubis kostenlos Bus und Bahn fahren können, sondern alle Jugendlichen bis 18 Jahre. Aus meiner Sicht ist dieser Schritt überfällig und es wäre ein guter Weg, Menschen frühzeitig zur Nutzung des ÖPNV hinzuführen. Gleichzeitig müssten Angebot und Kapazität spürbar ausgebaut werden.

Viel zu tun also, mitten in schweren Krisenzeiten…

Die Ziele sind sicher herausfordernd, aber mit Kreativität lässt sich viel erreichen, was wieder der Vergleich mit der Wirtschaft zeigt. Ich war neulich zu Besuch bei einem Unternehmen in Eislingen. Dort gibt es in der Zentrale einen Aufzug, der bei der Abwärtsfahrt Energie erzeugt. Das nenne ich innovativ. Im Stuttgarter Rathaus läuft immer noch ein alter Paternoster. Das ist sicher ein etwas zugespitzter Vergleich, der aber zeigen soll, wie groß teilweise der Unterschied ist. Der Staat muss einfach Schritt halten mit seinen eigenen Erwartungen und Vorgaben.

Vielleicht wären die Verantwortlichen in den Kommunen gut beraten, einen der Kurse der IHK zum Thema Mobilität zu besuchen. Die Kammer bietet unter anderem den noch relativ neuen Zertifizierungslehrgang „Betrieblicher Mobilitätsmanager“ an. Wie ist die Resonanz?

Zwischenzeitlich wirklich hervorragend, wir haben eine riesige Nachfrage. Den ersten Lehrgang im vergangenen Jahr haben wir unter Corona-Bedingungen mit zehn Teilnehmenden durchgeführt, seither steigen die Zahlen sprunghaft an. Auch das zeigt, dass die Unternehmen Mobilität als ihre Aufgabe erkannt haben und ernst nehmen. Sie wollen und suchen die Beratung, die ja zu unserer Kernkompetenz gehört. Gerade bei kleinen Unternehmen steht diese individuelle Beratung im Mittelpunkt. Welche Förderprogramme gibt es? Wie läuft es mit dem Firmenticket? Was muss man steuerlich beachten? Was gibt es beim Thema Dienstradleasing zu beachten? Die Zukunft der Mobilität zu gestalten ist eine Herkulesaufgabe, bei der wir uns auf vielen Wegen nach Kräften einbringen. Daher haben wir auch der Stadt Stuttgart eine zukunftsweisende Logistikstudie für das neue Rosensteinviertel übergeben. Der Anspruch dabei ist ganz einfach: Es muss das modernste City-Logistik-Viertel Europas werden, ein mobiler Leuchtturm in der Region Stuttgart!

Zur Person:

IHK Region Stuttgart – Johannes Schmalzl

Johannes Schmalzl ist studierter Jurist und gilt als routinierter „Allrounder“. Bevor er Hauptgeschäftsführer der größten Industrie- und Handelskammer wurde, hatte er bereits zahlreiche Führungsfunktionen im Land und im Bund inne, u. a. als Regierungspräsident. Was ihn treibt ist die Frage, wie es auch in Zukunft gelingen kann, die Region Stuttgart als attraktiven Industrie- und Wirtschaftsstandort zu erhalten.

Info: Zertifizierungslehrgang Betrieblicher Mobilitätsmanager

Der DIHK hat in Zusammenarbeit mit den IHKs einen bundesweit einheitlichen Zertifikatslehrgang zum/zur „Betrieblichen Mobilitätsmanager(in)” entwickelt. Die Weiterbildungsmaßnahme ist konzipiert für Mitarbeiter aus Unternehmen, beispielsweise aus den Bereichen Personal, Logistik, Fuhrparkmanagement, Energie oder Facility Management. Der Lehrgang umfasst fünf Module, in welchen die Teilnehmer praxisorientierte Kenntnisse und Kompetenzen erwerben, um für ihre Unternehmen Mobilitätskonzepte zu entwickeln, umzusetzen und nachhaltig zu verankern. Der Lehrgang wird bundesweit von unterschiedlichen IHKs angeboten. Auf dieser Seite finden Sie beispielsweise das aktuelle Seminarangebot des Bildungshauses der IHK Region Stuttgart.

Kontakt:

Jörg Schneider
Stellv. Leiter der Abt. Industrie | Innovation | Infrastruktur
Referatsleiter
Verkehr | Raumordnung | Auftragsberatungsstelle
IHK Region Stuttgart
Jägerstraße 30
70174 Stuttgart
Telefon: +49 (711)2005-1282
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