„Nachhaltigkeit muss gelebt werden!“

Im Gespräch mit Dieter Pikulski von der Fohhn Audio AG in Nürtingen.

Entwicklungsingenieur Dieter Pikulski im SoundLab der Fohhn Audio AG in Nürtingen.

Dieter Pikulski von der Fohhn Audio AG erzählt im Interview, warum das Nürtinger Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit in der Firmenphilosophie verankert hat, was bisher erreicht wurde und welche Schritte als Nächstes geplant sind. 

Herr Pikulski, der Audiosystem-Hersteller Fohhn gilt in der professionellen AV-Branche als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit und ist dafür auch ausgezeichnet worden. Das hat vermutlich nicht nur damit zu tun, dass der neue Firmensitz am Rande des Biosphärengebiets im Grünen liegt und die Mitarbeitenden einen Blick auf die Schwäbische Alb haben?

Die Verbindung zur Natur und der Blick auf die Alb passen sicherlich gut zu unserer Firmenphilosophie, das ist aber gewissermaßen nur das i-Tüpfelchen. Tatsächlich wird der Gedanke der Nachhaltigkeit bei uns in nahezu allen Bereichen gelebt. Von der Produktion über unsere Zulieferer und die Gebäudetechnik bis hin zur Verpackung und dem Versand. Am sichtbarsten wird diese Philosophie vielleicht in unserem Nachhaltigkeitsrat, den wir 2021 mit dem Ziel gegründet haben, in Zukunft noch stärker für Nachhaltigkeit und Klimaschutz einzutreten und die CO²-Bilanz des Unternehmens weiter zu verbessern.

Wer hatte die Idee, ein solches Gremium zu gründen und wer ist darin vertreten?

Der Nachhaltigkeitsrat ist eine echte Graswurzelbewegung, die Initiative dazu war von einigen Beschäftigten ausgegangen. Mittlerweile sind wir ein gutes Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich regelmäßig treffen, um nachhaltige Themen zu besprechen. Die Mitarbeit ist natürlich freiwillig. Grundsätzlich ist jeder eingeladen, sich mit Vorschlägen und Ideen einzubringen und sich aktiv zu beteiligen. Jede noch so kleine Veränderung hilft in der Addition, die Co²-Bilanz zu verbessern. Beispielsweise, wenn wir auf wiederverwendbare Verpackungen bei den Zulieferern umstellen. Wichtig dabei ist, dass die Geschäftsführung uns dabei voll und ganz unterstützt und die Vorschläge aus dem Gremium mitträgt.

Welche Ideen sind denn bisher in diesem Kreis entwickelt worden?

Wir haben zu Beginn zunächst überlegt, welche Bereiche wichtig für uns sind und haben dabei natürlich viel über das Thema Mobilität diskutiert. Ich selber wohne beispielsweise in Fellbach und bin seit 15 Jahren mehr oder weniger auf das Auto angewiesen, um zur Arbeit zu kommen. Der neue Firmensitz ist zudem etwas abgelegen, weshalb sich für uns auch die Frage der Erreichbarkeit und der Anbindung an Nürtingen und den öffentlichen Nahverkehr gestellt hat. Um überhaupt einmal etwas über das Mobilitätsverhalten unserer rund hundert Mitarbeitenden am Standort zu erfahren, hat der Nachhaltigkeitsrat daher angeregt, am Impulsprogramm zum betrieblichen Mobilitätsmanagement der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart teilzunehmen. Einerseits, um neue Impulse zu bekommen. Und natürlich war es uns insbesondere wichtig, im Rahmen der Beschäftigtenbefragung eine fundierte Grundlage zu erhalten, an der wir ansetzen können, um Angebote zu entwickeln.

Was voraussetzt, dass möglichst viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitmachen. Welche Erfahrungen hat Fohhn dabei gemacht?

Das Ganze ist wirklich sehr gut angenommen worden, wobei wir im Vorfeld auch viel unternommen und unter anderem eine Kampagne gestartet hatten, um dafür zu werben. Es ist enorm wichtig, die Menschen frühzeitig zu informieren und mitzunehmen. Das haben wir erfahren müssen, als wir einmal das Licht etwas gedrosselt hatten, um Energie zu sparen. Das war gar nicht gut angekommen, weil niemand darauf vorbereitet war und wir auch die Gründe nicht kommuniziert hatten. Das war ein Fehler und wir haben daraus gelernt. In diesem Fall haben nun 65 Prozent der Mitarbeitenden an der Wohnstandortanalyse und der Umfrage teilgenommen, was eine wirklich sehr gute Quote ist und die Bereitschaft zeigt, etwas zum Klimaschutz beitragen zu wollen. Auf diesem Weg haben wir eine gute Datenbasis bekommen und wissen nun, wie das Mobilitätsverhalten unserer Beschäftigten ist.

Nämlich wie?

Ein guter Teil unserer Mitarbeitenden kommt tatsächlich mit dem Fahrrad zur Arbeit, manche mit dem E-Bike, einige aber auch mit einem herkömmlichen Rad. Das sind überwiegend Beschäftigte, die in Nürtingen wohnen. Fohhn bietet ja seit über fünf Jahren selbst ein Dienstradleasing an, das einem ähnlichen Prinzip folgt wie JobRad, womit wir gute Erfahrungen gemacht haben. Dank der Wohnstandortanalyse wissen wir jetzt unter anderem, wie hoch beispielsweise das Potenzial ist, weitere Beschäftigte zum Umstieg auf ein E-Bike bewegen zu können. Das können wir aus den Daten ableiten. Wir wissen jetzt also, wo wir stehen und welche Möglichkeiten wir noch haben, unser betriebliches Mobilitätsmanagement im Sinne der Nachhaltigkeit zu verbessern. 

Und welche Möglichkeiten sehen Sie?

Wenn wir uns den Wohnatlas unserer Mitarbeitenden ansehen, dann ist das, als ob man Reiskörner auf einer Karte ausschüttet. Etliche kommen natürlich aus Nürtingen, ansonsten sind die Standorte aber ziemlich verteilt. Einen Shuttlebus anzubieten, der morgens und abends pendelt, würde daher keinen Sinn machen, weil keine sinnvolle Route für solche Sammelfahrten möglich ist. Wir denken daher eher in Richtung Car-Sharing-Modelle und Fahrgemeinschaften. Über unseren Firmenchat ist zwischenzeitlich auch eine Mitfahrgelegenheitsgruppe gegründet worden. Das zeigt auf jeden Fall in die richtige Richtung. Wir müssen Anreize schaffen und ermöglichen, dass unsere Mitarbeitenden nachhaltig zur Arbeit kommen wollen und können. Das ist schon deshalb wichtig, weil wir ständig auf der Suche nach Fachkräften sind. Und gerade junge Menschen legen sehr viel Wert auf Klimaschutz und gehen selbstverständlich davon aus, dass sich ein modernes Unternehmen in diesem Bereich engagiert. Und das ist auch richtig so. Wir beschäftigen uns beispielsweise schon seit einem Jahrzehnt mit dem Thema Nachhaltigkeit. 

Genauso selbstverständlich gehen junge Menschen zwischenzeitlich davon aus, dass sie im Homeoffice arbeiten können. Wie geht Fohhn damit um?

In der Möglichkeit, von Zuhause aus arbeiten zu können, sehen wir tatsächlich den größten Hebel, die CO²-Bilanz im Bereich der Mobilität zu verbessern. Homeoffice gab es bei Fohhn schon vor der Corona-Pandemie, während des Lockdowns hat sich das natürlich wie überall massiv ausgeweitet. Während vieles wieder in Präsenz durchgeführt wird, wie beispielsweise große Messen, haben wir beim Homeoffice immer noch einen signifikant hohen Anteil. Natürlich muss man bei Kundenkontakten oder Arbeiten im Labor vor Ort sein, aber reine Büroarbeit oder Verwaltungstätigkeiten werden bei uns verstärkt von Zuhause aus erledigt.   

Nun hat Fohhn Anfang 2020 das neue Firmengebäude bezogen – kurze Zeit später hat Corona die Anfangseuphorie am neuen Standort jäh unterbrochen. Wie ist es um die Bürokultur und den Teamspirit bestellt, wenn immer ein Teil der Belegschaft im Homeoffice arbeitet?

Nachdem Fohhn viele Jahre lang auf sechs Standorte in Nürtingen verteilt und die Logistik eine große Herausforderung war, hatten sich alle natürlich auf das neue Firmengebäude gefreut. Endlich alles unter einem Dach. Der Anfangsschwung, mit dem wir hier gestartet sind, ist durch die Corona-Pandemie in der Tat etwas verloren gegangen. Zwischenzeitlich haben wir aber längst wieder Fahrt aufgenommen. Gleichwohl haben wir bemerkt, dass Bürokultur und Teamspirit, wie Sie es nennen, etwas gelitten haben. Wir haben dieses Thema daher auch im Nachhaltigkeitsrat auf die Agenda gesetzt, um gegenzusteuern. Wir sind dabei, uns Teamveranstaltungen, Grillfeste und andere Maßnahmen zu überlegen, um den Zusammenhalt zu stärken und den Teamgeist zu fördern. Es braucht einen Raum, in dem sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begegnen können. Da hilft es uns natürlich, dass wir ein modernes Firmengebäude haben, das viele Möglichkeiten bietet. Übrigens erfüllt der neue Firmensitz als KfW 55 Effizienzgebäude die höchsten energetischen Standards. Unter anderem haben wir eine Luft-Wärmepumpe für Heizung und Kühlung und eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, die letztlich den eigenen Energiebedarf zu hundert Prozent decken soll. Das Thema Nachhaltigkeit erstreckt sich bei uns wie gesagt über alle Bereiche.

Dann sehen Sie sich gut vorbereitet auf eine nicht allzu ferne Zukunft, in der wohl alle Unternehmen eine CO²-Bilanz ausweisen müssen?

Ja! Ganz aktuell haben wir erst in diesen Tagen unsere CO²-Bilanz für Scope 1 und Scope 2 erhalten! Wir sind stetig auf der Suche, wo man noch überall CO² einsparen kann. Mit den Nachweisen ist es allerdings gar nicht so einfach. Beispielsweise haben wir von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen im Rahmen einer Masterarbeit analysieren lassen, wie man die CO²-Bilanz eines Lautsprechers über sämtliche Bauteile und alle Fertigungsschritte hinweg erfassen kann. In diesem Bereich liegt noch viel Arbeit vor der gesamten Industrie, denke ich. Zwischenzeitlich wissen wir, dass wir auch in diesem Bereich auf dem richtigen Weg sind. Für genau jenes Lautsprechersystem, das von der Hochschule untersucht wurde, haben wir später den ProAV-Award in der Kategorie „Sustainability“ bekommen, also die Auszeichnung als nachhaltiges Audiosystem. Ein Grund dafür ist unter anderem, dass die meisten unserer Zuliefererteile aus der Region stammen und sich 75 Prozent der Lieferanten in einem Radius von unter 300 Kilometern befinden. Viele davon übrigens im Umkreis von 20 Kilometern um Nürtingen.

All das hilft natürlich, um die Mitarbeitenden für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. Wie geht es jetzt konkret weiter, was sind die nächsten Schritte?

Zunächst einmal wollen wir die Beschäftigten über die Ergebnisse und Erkenntnisse der Befragung umfassend informieren, vielleicht im Rahmen eines Aktionstags, einem Mobilitätsnachmittag. Gleichzeitig denken wir darüber nach, ein Nachhaltigkeitsbudget einzuführen, also einen zweckgebundenen Zuschuss für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Idee ist, einen Anreiz zu schaffen, diesen zusätzlichen Betrag für etwas Nachhaltiges auszugeben, beispielsweise für Fahrten mit einem Pedelec oder auch regionale Lebensmittel. Momentan sind wir auf der Suche nach einer App, über die das Budget abgewickelt werden kann. Nachhaltigkeit muss gelebt werden, nur dann kommen wir ans Ziel!

Zur PERSON

Dieter Pikulski engagiert sich im Nachhaltigkeitsrat für betriebliches Mobilitätsmanagement.

Dieter Pikulski arbeitet seit 2007 bei der Fohhn Audio AG in der Elektronikentwicklung. Die Verbundenheit mit der Firma aber auch mit seinem Wohnort zwingt ihn zum häufigen Pendeln. Seit vielen Jahren treibt ihn daher die Frage um, welche Alternativen die nachhaltige, individuelle Mobilität von morgen gestalten werden.


Das Interview führten Alexandra Bading (Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH) und Markus Heffner (Journalist und Redaktionsbüro) im Juni 2023.