
Die Universität Hohenheim mit ihren 8.800 Studierenden und rund 2.100 Beschäftigten setzt sich für eine nachhaltigere Mobilität rund um den Campus auf der Filderebene im Stuttgarter Süden ein. Grundlage bildet ein umfassendes Mobilitätskonzept, das Teil des Masterplans 2030 für die weitere Entwicklung der Uni ist und Schritt für Schritt umgesetzt werden soll.
Herr Weinmann, wie kam es, dass Sie sich heute an der Uni Hohenheim für eine nachhaltigere Mobilität von Studierenden und Beschäftigten einsetzen?
Paul Weinmann: Da muss ich etwas ausholen. Ich kannte Hohenheim schon als Kind aus den Erzählungen unserer Mutter, die als junge Frau in den Hohenheimer Gärten gearbeitet hat. Unser Vater ist jeden Tag mit dem Fahrrad nach Hohenheim zur Oberschule gefahren. Ich selbst habe als Schüler mein erstes Geld als Bauhelfer bei der Sanierung der „Alten Botanik“ verdient. Als ich mich dann Jahre später hier bewarb, haben die Erinnerungen, an diesen Ort mit seiner pulsierenden Lebendigkeit, eine gewichtige Rolle gespielt – 2017 wurden hier erstmals Falschparker aus Brandschutzzonen abgeschleppt und …
… und ihr Auto ist auch am Haken des Abschleppwagens gelandet.
Paul Weinmann: Nein, das nun gerade nicht. Meistens bin ich mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Aber die Verkehrssituation hatte damals einen enormen Handlungsdruck verursacht. Als dann die Mensa erweitert werden musste, wurde der so genannte Masterplan 2030 aufgestellt, der die weitere Entwicklung der Uni vorwegnimmt und damit Planungssicherheit schafft. In diesem Zuge wollte das Finanzministerium als Eigentümerin der Liegenschaft, dass dabei auch die Verkehrssituation berücksichtigt und mitgedacht wird. 2015 wurde daher eine Mobilitätsuntersuchung durchgeführt, die seither ein wichtiger Bestandteil des Masterplans ist. 2018 hat sich die Uni dann am „Strategiedialog Automobilwirtschaft“ der Landesregierung beteiligt und beim Wettbewerb „Emissionsfreier Campus“ tatsächlich gewonnen. Mit dem Preisgeld konnten wir die Projektstelle eines Mobilitätsmanagers einrichten. So hat das Thema nach und nach Fahrt aufgenommen.
Zwischenzeitlich hat die Uni sogar einen eigenen ehrenamtlichen Fahrradbeauftragen – womit wir bei Ihnen wären, Herr Dr. Schmid. Wie ist es dazu gekommen und warum ist die Wahl auf Sie gefallen?
Volker Schmid: Das hat zunächst damit zu tun, dass die Uni die Zertifizierung als „Fahrradfreundlicher Arbeitgeber“ erreichen wollte. Und als eine der Grundvoraussetzungen braucht es dafür einen eigenen Fahrradbeauftragten. Ich hatte damals begonnen, mich im Bereich Nachhaltigkeit zu engagieren und hatte im Online-Kurier der Uni Vorschläge eingereicht, wie die Situation auf dem Campus für den Radverkehr verbessert werden könnte. Das war wohl der Anstoß, mich zu fragen, ob ich Fahrradbeauftragter werden will. Ich habe dann spontan zugesagt und da bin ich nun.
Und hat die Uni mit Ihnen die Zertifizierung als „Fahrradfreundlicher Arbeitgeber“ geschafft?
Volker Schmid: Ja, das hat sie – und darauf sind wir durchaus stolz. Das Siegel „Zertifizierter Fahrradfreundlicher Arbeitgeber“ gilt ja in der ganzen EU und wird in Deutschland exklusiv vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club vergeben. 2019 haben wir als erste Hochschule in Baden-Württemberg das Silber-Zertifikat bekommen, 2022 dann sogar das Zertifikat in Gold. Das Engagement hat sich also gelohnt.
Was muss man dafür tun, um solch eine Auszeichnung zu erreichen?
Volker Schmid: Man muss in vielen verschiedenen Bereichen Punkte sammeln und Mindestanforderungen erfüllen. Bei der Infrastruktur, aber auch im Bereich Service-Angebote oder Kommunikation. Wir haben beispielsweise eine neue Mobilitätsstation mit sicheren Abstellplätzen, Schließfächern, Ladestationen und Bikesharing. Es gibt knapp 50 Duschen an insgesamt fünf Standorten. Und auf Wunsch der Studierenden sind über den Campus verteilt so genannte Bügelanlagen installiert worden – insgesamt sind das rund 400 zusätzliche Fahrradstellplätze. Ein besonderes Schmuckstück ist die Radwerkstatt, der Hohenheimer „Radskeller“, der von Studierenden betrieben wird. Wir beteiligen uns beim Stadtradeln und Frostpendeln, veröffentlichen erprobte Radrouten und haben auch einen „Arbeitskreis Fahrrad“ mit Vertretenden aus allen Gruppen gegründet, in dem die verschiedenen Themen besprochen und Aktionen gemeinsam geplant werden. Außerdem beteiligt sich die Uni am Verleihsystem RegioRad Stuttgart.
Klingt tatsächlich nach einem Fahrrad-Paradies. Wie viele der Studierenden und Beschäftigten lassen sich davon überzeugen und kommen mit dem Rad zur Uni?
Paul Weinmann: Das kommt auf die Jahreszeit an – im Sommer sind es naturgemäß mehr als im Winter. Bei unserer aktuellen Erhebung aus diesem Jahr haben aber immerhin 34 Prozent der rund 8.800 Studierenden angegeben, mit dem Rad oder zu Fuß zu kommen. Weitere 46 Prozent nutzen den ÖPNV. Unter den knapp 2.100 Beschäftigten liegt die Quote für Rad & Fuß bei 31 Prozent. Demgegenüber stehen 24 Prozent, die den ÖPNV nutzen.
Das sind gerade bei den Beschäftigten im Vergleich zu Unternehmen durchaus beachtliche Zahlen. Woran glauben Sie liegt das – inspiriert das wissenschaftliche Umfeld vielleicht eher zu ökologisch orientiertem Verhalten?
Paul Weinmann: Wir beschäftigen uns in der Lehre auch mit ökologischen Themen – ein Zusammenhang ist durchaus möglich. Insbesondere herrscht in Hohenheim aber eine große Radbegeisterung, die von vielen geteilt wird. Viele Studierende sind ohnehin nachhaltig unterwegs und dann versuchen wir – als Beauftragte für das Thema Mobilität – die Begeisterung weiterzutragen. Und ich merke immer wieder: Die Begeisterung fürs Radfahren ist ansteckend. Mitunter muss ich mir mein Sendungsbewusstsein etwas verkneifen. Der eine oder andere wird manchmal denken: „Schon wieder der.“ Insgesamt haben wir hier aber einen sehr fruchtbaren Boden für diese Art der Mobilität.
Die ja nur ein Baustein ist im Mobilitätskonzept der Uni. Was gehört noch dazu?
Paul Weinmann: Das fängt beim Thema Parkraummanagement an, das hier viel bewegt hat und gewissermaßen Grundlage für weitere Maßnahmen war. Ausgangspunkt war die Situation mit den Falschparkern und der Beschluss der Landesregierung vom März 2018, dass die oberirdischen Parkflächen des Landes bewirtschaftet werden sollen – also künftig einer Gebührenordnung unterliegen.
Eingeführt wurde die Parkraumbewirtschaftung an der Uni dann nach vielen Gesprächen und intensiver Vorbereitung im November 2020. Um Kräfte zu bündeln, hatte die Uni zuvor noch die strukturellen Voraussetzungen geschaffen – und die zwei Bereiche Liegenschaften und Mobilität in einem neuen Referat zusammengeführt. Das macht Sinn, weil das Parkraummanagement ein wichtiges Element der Mobilitätsstrategie ist. Die Zusammenführung der beiden Bereiche ermöglicht uns seither, verschiedene Themen zusammenzudenken und zentral zu bearbeiten.
Volker Schmid: Zusätzlich zu neuen Mobilitätsangeboten, wollen wir ja auch all das am Laufen halten, was wir bereits auf den Weg gebracht haben. Beispielsweise ist das Thema Stadtradeln zwar bekannt, muss aber trotzdem immer wieder aufs Neue beworben und organisiert werden. Gleiches gilt für einen Tag der offenen Tür und andere Aktionen. Dazu ist es unbedingt notwendig, eng zusammenzuarbeiten und sich bei allen Mobilitätsthemen gut abzustimmen.
Welche Stellschrauben gibt es noch, um im Bereich der Mobilität die CO2-Bilanz zu verbessern?
Paul Weinmann: Beispielsweise das Jobticket, das aktuell 31 Prozent der Beschäftigten nutzen – Tendenz steigend. Im Jahr 2015 waren es noch acht Prozent. Ein weiterer Baustein ist die Plattform „ZuMoBi – Zusammen Mobil“ (davor „Stuttgart-fährt-mit“), die auch Wirkung zeigt. Bis Ende Oktober sind darüber immerhin knapp 3.500 Fahrgemeinschaften gebildet worden. Als Anreiz dürfen Autos mit Fahrgemeinschaften hier übrigens in bester Lage kostenlos parken und Elektrofahrzeuge können zum halben Preis geladen werden. Dann bietet die Uni natürlich auch das JobBike BW an. Dazu haben wir aktuell noch keine Zahlen. Über diese konkreten Angebote hinaus sind wir bestrebt, ein attraktives und sicheres Umfeld für Radfahrer*innen und Fußgänger*innen zu schaffen. Deswegen verfolgen wir, entsprechend dem Masterplan 2030, Tempo-30 auf dem ganzen Campus. Es gibt an einigen Stellen zwar noch Engpässe, die sollen aber mittelfristig erweitert und entsprechend umgebaut werden. Das Mobilitätskonzept sieht auch die Einführung eines Campus-Shuttle vor, der vom Wohnheim Schwerzstraße bis zur Stadtbahnhaltestelle Garbe alle Bereiche der Uni anfährt und diese verbindet.
Apropos Stadtbahn: Es wird schon lange mit Nachdruck eine direkte Stadtbahnanbindung zwischen der Stuttgarter Innenstadt und der Uni Hohenheim gefordert, von den Studierenden und der Universitätsverwaltung gleichermaßen. Wie denken Sie darüber?
Paul Weinmann: Das Vorhaben einer Direktverbindung wurde bereits 2017 im Nahverkehrs-Entwicklungsplan vorgestellt – dann aber aus Etatgründen immer wieder zurückgestellt. Die Uni setzt sich seit über zehn Jahren für das Projekt ein, das durch eine neue Gleiskurve in Möhringen möglich werden soll. Viele Studierende finden immer schwerer bezahlbaren Wohnraum und müssen daher teils lange Pendelzeiten in Kauf nehmen. 2023 haben Studierende die „Möhringer Kurve“ sogar in den Stuttgarter Bürgerhaushalt eingebracht – und bei der stadtweiten Abstimmung den ersten Platz damit erreicht. Wenn man einen renommierten Wissenschaftsstandort fördern will, dann ist eine solche Direktanbindung ein deutliches Zeichen und würde Stuttgart gut zu Gesicht stehen. Denn wenn man einerseits ein kostenpflichtiges Parkraummanagement einführt, sollte es andererseits auch spürbare Verbesserungen beim öffentlichen Nahverkehr geben. Das jedenfalls wäre eine Möglichkeit, um echte Fortschritte und die notwendige Akzeptanz für eine nachhaltige Mobilität zu erreichen.
Gibt es ansonsten noch „Stolpersteine“, die der Umsetzung eines nachhaltigen Mobilitätsmanagements im Weg liegen?
Paul Weinmann: Die Domäne Hohenheim ist im Landeseigentum. Zuständig ist das Finanzministerium. Die Dienstaufsicht liegt beim Wissenschaftsministerium. Die verkehrlichen Belange regelt das Verkehrsministerium. Für agrarwirtschaftliche Themen ist das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz zuständig. Dazu haben wir gemeinsame Themen mit umliegenden Kommunen und Akteuren wie dem Landesflughafen, den Stadtwerken, der Parkraumgesellschaft BW und einigen anderen. Was ich damit sagen will: Man braucht Ausdauer bei so vielen Beteiligten, um sich abzustimmen und etwas voranzubringen. Das allergrößte Manko ist aber das Geld, das wir nicht haben und das auch gar nicht eingeplant ist. Eine Uni bekommt ihre Mittel für Forschung und Lehre zugewiesen, für die Umsetzung eines Mobilitätsmanagements ist kein Budget vorgesehen. Daher müssen wir immer wieder Umwege nehmen und uns etwas einfallen lassen, um die notwendigen Mittel zu beschaffen. Aus diesem Grund haben wir uns ja beispielsweise auch am Strategiedialog Automobilwirtschaft und dem Wettbewerb „Emissionsfreier Campus“ beteiligt.
Volker Schmid: Und aus dem gleichen Grund haben wir aktuell den „Hohenheim bewegt – Verein zur Förderung nachhaltiger Mobilität an der Universität Hohenheim e.V.“ gegründet. Unsere Hoffnung dabei ist, dass es über diesen Verein gelingt, beispielsweise Spenden zu sammeln und Aktionen auf die Beine zu stellen, für die ansonsten im Unialltag die Ressourcen fehlen. Die Gründung haben wir schon erfolgreich geschafft – wir können also demnächst loslegen und die ersten Maßnahmen auf den Weg bringen. Natürlich hoffen wir mittelfristig auf eine rege Beteiligung auch seitens der Studierenden und eine entsprechende Dynamik.
Die Uni Hohenheim muss seit 2025 wie alle anderen Universitäten und Hochschulen im Land eine CO2-Bilanz veröffentlichen. Wie ist das Ergebnis ausgefallen?
Paul Weinmann: Die Uni hat ja bereits vor zwei Jahren unter Federführung des Fachgebiets „Nachwachsende Rohstoffe in der Bioökonomie“ eine umfassende Analyse ihres CO2-Fußabdrucks veröffentlicht – als eine der ersten Hochschulen in ganz Deutschland. Das war sozusagen echte Pionierarbeit. Damals lag der Fokus auf dem Jahr 2019, dem letzten Vor-Corona-Jahr, das damit ein wichtiger Vergleichspunkt für künftige Berechnungen ist. Im Vergleich dazu hat sich der Fußabdruck um über zehn Prozent verkleinert. Hauptgrund dafür sind erfolgreiche Energiesparmaßnahmen, insbesondere beim Heizen. Weitere Einsparungen sollen Schritt für Schritt folgen, nicht zuletzt auch durch den Bereich Mobilitätsmanagement.
Wir leben allerdings in Zeiten knapper Kassen und multipler Krisen – geraten da Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaneutralität nicht zunehmend in den Hintergrund? Oder anders gefragt: Gibt es dafür ausreichend Kapazitäten?
Paul Weinmann: Nachhaltig zu wirtschaften ist kein Luxus, sondern eine schlichte Notwendigkeit, denn die genannten Krisen verschwinden ja nicht, nur weil weitere Bedarfe dazu kommen Die Universität hat daher Ende 2025 auch eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet, die in einem einjährigen internen Beteiligungsprozess gemeinsam erarbeitet und abgestimmt wurde. Sie umfasst alle Bereiche der Nachhaltigkeit und gibt uns eine systematische Orientierung für die Umsetzung unserer Aktivitäten. Diese besser zu koordinieren und dabei auch für Synergieeffekte zu sorgen, ist unter anderem Aufgabe unseres Green Office, das seit 2024 an der Universität Hohenheim besteht. Es war lange von Hohenheimer Studierenden gefordert worden und wurde nach dem Vorbild anderer Universitäten eingerichtet. Im Green Office treffen sich beispielsweise regelmäßig unsere fünf Green Teams, die es für alle Handlungsfelder der Universität gibt.
Vom klassischen Bereich Studium und Lehre angefangen über die Forschung, den Campusbetrieb, das Thema Governance bis hin zur Universitätskultur arbeiten in den Green Teams Studierende und Mitarbeitende gemeinsam an konkreten Projekten, die die Universität Hohenheim nachhaltiger machen und eine Kultur der Nachhaltigkeit an der Universität fördern. Das ist ein essentieller Beitrag der Universität Hohenheim zur gesellschaftlichen Transformation.
Volker Schmid: Diese Strategie soll nach außen wirken, also in die Gesellschaft, aber auch nach innen. Das Thema Nachhaltigkeit soll gewissermaßen in die DNA der Studierenden übergehen, damit sie es weitertragen können, wenn sie die Uni verlassen. Zukünftige Führungskräfte treffen dann vielleicht andere Entscheidungen und haben nicht nur den Gewinn im Blick. In unserer Radwerkstatt werden beispielsweise kaputte Schläuche noch geflickt und nicht gleich durch neue ersetzt. Das ist zwar nur ein kleines Beispiel, aber ein gutes, weil es zeigt, dass auch in scheinbar ganz profanen Dingen großes Potenzial liegen kann.
Zur PERSON“

„Fahrrad fahren und -schrauben ist mein Hobby. Technik interessiert mich und ich bin gerne an der frischen Luft. Das Fahrrad ist ein ideales Vehikel, um das Thema Nachhaltigkeit niederschwellig und kostengünstig zu transportieren.“
Dr. Volker Schmid: „Mich treibt an, den kommenden Generationen eine Welt zu hinterlassen, in der sie gut leben können. Und wenn man das richtig anpackt, führt es gleichzeitig dazu, dass wir die Welt, in der wir heute leben, auch schon lebenswerter machen.“
Das Interview führten Alexandra Bading (Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH) und Markus Heffner (Journalist und Redaktionsbüro) im November 2025.