Emissionsfrei zur Vorlesung an die Hochschule

Emissionsfrei zur Vorlesung an die Hochschule

Prof. Gaspers (HFT) und Prof. Mandel (DHBW)  auf der Ausstellung „Emissionsfreier Campus“

 

Wie kann man Studierende, Dozenten und Mitarbeiter dazu bewegen, vom Auto auf Alternativen umzusteigen? Um das herauszufinden und die Mobilität der Zukunft im Land voranzubringen, hat das Wissenschaftsministerium den Ideenwettbewerb „Mobilitätskonzepte für den emissionsfreien Campus“ aufgelegt. Insgesamt elf Hochschulen haben daran teilgenommen und ihre Vorstellungen entwickelt, darunter auch die Hochschule für Technik (HFT) und die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Stuttgart.

So unterschiedlich die Pläne und Konzepte der elf Hochschulen auch ausgefallen sind, eines haben sie doch gemeinsam: Sie sind ehrgeizig und ambitioniert – und sie weisen in die Zukunft. Der Reigen an guten Ideen reicht von einem autonomen E-Shuttle-Verkehr und selbstfahrenden E-Scootern über große Radparkhäuser und kleine Wohnmodule bis hin zu einer urbanen Seilbahn, die nach den Plänen der Hochschule Pforzheim den Bahnhof mit dem Campus verbinden soll.

 

Stuttgart, 10.12.2019: Prämierungsfeier im Ideenwettbewerb „Emissionsfreier Campus“ in der Hochschule für Technik (HfT), Stuttgart
(Fotograf: MWK BW / Jan Potente)

 

Präsentiert worden sind all diese Konzepte bei einer gemeinsamen Veranstaltung in der Stuttgarter Hochschule für Technik (HFT), die selber auch ehrgeizige Ziele verfolgt, wie Lutz Gaspers betont: „Wir wollen bis 2030 klimaneutraler Campus werden“, so der Prorektor und Professor für Mobilität und Verkehr. Früher sei die zentrale Lage mitten in der Innenstadt ein klarer Standortvorteil gewesen. Zwischenzeitlich habe sich das aufgrund der angespannten Verkehrssituation, Feinstaubdebatten und Klimadiskussionen etwas ins Gegenteil verkehrt, so Gaspers. Der ganze Campus sei von großen Stadtautobahnen zerschnitten. Allem voran gehe es daher zunächst darum, den „Campus Stadtmitte“ überhaupt erkennbar und erlebbar zu machen – also das Quartier rund um den Stadtgarten, den sich die HFT mit den Nachbarn Universität Stuttgart und Duale Hochschule (DHBW) Stuttgart teilt. Drei Einrichtungen, die es zusammen auf immerhin insgesamt 10.000 Studierende bringen.

Um das Mobilitätsverhalten ihrer rund 4.000 Studierenden, 120 Professorinnen und Professoren und 400 Dozierenden pro Semester zu erkunden, hat die Hochschule eine breit angelegte Befragung durchgeführt. Der Großteil der Studierenden, so das Ergebnis der Analyse, nutzt bereits den ÖPNV, kommt zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Die meisten Lehrbeauftragten hingegen sind mit dem Auto unterwegs. „Wer für 90 Minuten Vorlesung zwischen Büro und Hörsaal pendelt, schafft das in der Regel aus dem Umland kaum mit der Bahn“, sagt Gaspers, dem es bei allem insbesondere auch um eine Bewusstseinsbildung geht. „Man nutzt, was man sieht“, sagt er. „Und in der Stadt sieht man vor allem Autos.“

Prof. Dr.-Ing. Lutz Gaspers, HFT

Das Konzept der Hochschule mit seinen fünf Handlungsfeldern sieht daher unter anderem vor, nicht nur Fuß- und Radwege, sondern auch Straßen umzugestalten, etwa im Bereich der Schellingstraße einen Shared Space einzurichten. Zudem hat die HFT eine Akkutausch-, Fahrrad- und Pedelec-Leihstation angeschafft. Und der hochschuleigene VW-Bus, mit dem etwa die Vermesser auf Exkursion gehen, wurde umgerüstet und fährt nun statt mit einem Dieselmotor per Elektroantrieb.

 

HFT-Team: Emissionsfreier Campus, Quelle: HFT

800.000 Euro an Preisgeld hat das Wissenschaftsministerium für die fünf Sieger des Wettbewerbs ausgelobt. Viel Geld, mit dem die Umsetzung der Konzepte angestoßen werden soll. „Ein Campus ist wie eine Stadt im Kleinen und deshalb ideal geeignet, um innovative Konzepte in der Praxis zu erproben“, erklärte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer bei der Vorstellung des Wettbewerbs. „Wir suchen Konzepte, die das Campuswachstum und die Minimierung von Emissionen zusammenbringen und die die Menschen durch Attraktivität, Effizienz und Verlässlichkeit überzeugen.“ Ziel sei es, Mobilitätskonzepte künftig zum festen Bestandteil der Hochschulen werden zu lassen. Angesichts der wissenschaftlichen Dynamik, wachsender Studierendenzahlen und eines steigenden Flächenbedarfs brauche man intelligente, ökologische Mobilitätslösungen, die im Idealfall auch spannende Herangehensweisen für die Städte als Ganzes aufzeigen.

Eine solche spannende Herangehensweise hat auch die Duale Hochschule unter dem Label „CeM“, geleitet von Professor Harald Mandel, präsentiert: Connected Campus with emission-free Mobility. Als Grundlage hat der Prodekan der Fakultät Technik und Studiengangsleiter Fahrzeug-System-Engineering ausrechnen lassen, dass jeden Tag im Schnitt 1.113 Studierende, 68 Beschäftigte und 35 externe Dozenten ein- und ausgehen – und dabei 1,42 Tonnen CO2 verbrauchen. Hochgerechnet auf das Jahr summiert sich das zu einem stolzen Verbrauch von 370 Tonnen CO2. „Hier haben wir noch sehr viel Einsparpotential“, so Mandel, dem nachhaltige Mobilität sehr am Herzen liegt. Aus diesem Grund hat er in der Vergangenheit schon einige Lehr- und Forschungsprojekte in diesem Bereich erdacht und durchgeführt. Dazu zählt unter anderem auch die Solarstromtankstelle, die vor dem Hauptgebäude der DHBW Stuttgart steht.

Die Stromtankstelle der DHBW Stuttgart, Foto: DHBW

Nun sieht der Ingenieur den wachsenden Neubau der Fakultät Technik unweit der Mensa Stadtmitte „als einmalige Chance für ein Campus-Areal mitten in der Innenstadt, das beispielhaft aufzeigen kann, was alles möglich ist“. Das Projekt sieht einen temporären Mobility Hub vor, der direkt neben dem Neubau eine Fläche von 5.600 Quadratmetern bietet. Das Areal auf dem Zwickel zur Seidenstraße könne so lange flexibel zur Erforschung von verschiedenen Aspekten emissionsfreier Mobilität genutzt werden, bis dort die Fakultät Wirtschaft ihren Neubau erhält, erklärt Mandel.

Geplant sind unter anderem Wasserstofftankstellen, E-Ladesäulen sowie eine solarbetriebene Bushaltestelle, die bis zu 75 Prozent des üblichen Stromverbrauchs einspart und als Abholstation für On-Demand-Fahrten genutzt werden kann. Zudem soll es Parkstationen für E-Autos, Wasserstoff- sowie Hybridfahrzeuge geben. Das optische Herzstück des Reallabors sind zwei große Radparkhäuser samt Leihstation und Duschen, so genannte Biketower, in denen 244 Räder auf komfortablen Plätzen untergestellt werden können. Darüber hinaus eigne sich der Mobility Hub als Reallabor, um etwa autonomes Einparken oder smarte Energiespeicher zu erforschen, wie Mandel erläutert.

Prof. Dr.-Ing. Harald Mandel, DHBW

All das helfe CO2 einzusparen, so der Professor weiter, und emissionsarm mobil zu sein. Genug ist ihm das aber noch nicht. Um die Idee vom emissionsfreien Campus weiter zu verfolgen, gehören zu dem Konzept noch 24 transportable Mini-Wohnmodule für rund 50 Studierende, sogenannte „flying spaces“. Diese Möglichkeit würde dem Rhythmus des dualen Studiums an der DHBW von zwölf Wochen Vorlesungszeit und zwölf Wochen Praxis im Unternehmen entgegenkommen und zudem das Campusareal beleben, so Mandel. Viele der Studierenden würden derzeit von weit weg kommen und hätten große Pendlerstrecken zurückzulegen. Stattdessen könnten sie mitten im Reallabor in den Modulen günstig wohnen.

 

„So sparen die Studentinnen und Studenten viel Zeit, die sie sinnvoller nutzen können“, so Professor Harald Mandel, der mit einer einfachen Rechnung aufwarten kann: „Jede nicht gefahrene Strecke reduziert die CO2-Emission zu hundert Prozent.“

 

HINTERGRUND: IDEENWETTBEWERB ENISSIONSFREIER CAMPUS

 

Stuttgart, 10.12.2019: Prämierungsfeier im Ideenwettbewerb „Emissionsfreier Campus“ in der Hochschule für Technik (HfT), Stuttgart
(Fotograf: MWK BW / Jan Potente)

Der Ideenwettbewerb des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg ist Teil des Strategiedialogs Automobilwirtschaft BW und hat das Ziel, die Mobilität in Baden-Württemberg klimafreundlicher zu gestalten. Die Hochschulen sollen dabei als Experimentierraum für neue emissionsfreie Mobilitätslösungen fungieren. Am Wettbewerb teilgenommen haben insgesamt elf Hochschulen: Die Universitäten Hohenheim, Stuttgart und das KIT, die Hochschulen Biberach, Esslingen, Heilbronn, Karlsruhe, Pforzheim, Konstanz und die Hochschule für Technik Stuttgart sowie die DHBW Stuttgart.

Zum Abschluss des Ideenwettbewerbs prämierte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer am Dienstag, den 10. Dezember 2019 in Stuttgart, die besten Mobilitätskonzepte. Für ihre Ideen ausgezeichnet wurden die Universitäten Stuttgart und Hohenheim, die Hochschule Biberach, die DHBW Stuttgart und die Hochschule für Technik Stuttgart. Insgesamt erhalten sie Preisgelder von 800 000 Euro für die Umsetzung ihrer Konzepte. Die HFT und die DHBW erhalten jeweils 100.000 Euro in der Kategorie „Sonderpreis für Originalität“.

Die ausgezeichneten Mobilitätskonzepte der Hochschulen, weitere Informationen und Bilder der Prämierungsveranstaltung finden Sie auf der Webseite des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.

Der Wettbewerb ist Teil des Strategiedialogs Automobilwirtschaft der Landesregierung.

Weitere Informationen zur emissionfreien Mobilität finden Sie auf der Webseite der DHBW.

Film zur Mobilitätsforschung an der HFT auf Youtube: