Eine klimafreundliche Mobilität der Zukunft entwickeln

Eine klimafreundliche Mobilität der Zukunft entwickeln


Foto: VVS/Esslingen ZOB

Die Corona-Pandemie hat vieles verändert, auch unsere Mobilitätsgewohnheiten. Das „eigene Auto“ steht wieder hoch im Kurs, der ÖPNV hat dagegen massiv an Fahrgästen verloren. Doch die Unternehmen und Kommunen in der Region Stuttgart haben auch in diesem schwierigen Jahr gezeigt, was mit innovativen Ideen, kreativen Projekten und nachhaltigen Programmen in Sachen Mobilitätswende erreicht werden kann.

Die durchschnittliche Mobilität in Deutschland ist im November 2020 erneut um 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zurückgegangen – diese Sonderauswertung hat aktuell das Statistische Bundesamt veröffentlicht. Sprich: Überall im Land sind die Verkehrsbewegungen als Folge des neuerlichen Lockdowns und der Beschränkungs-maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie spürbar gesunken, was nicht weiter verwundert. Wesentlich aufschlussreicher als die reine Statistik ist derweil der Vergleich der genutzten Verkehrsmittel, bei dem sich ein klarer Trend abzeichnet: Das „eigene Auto“ ist in der Gunst der Berufspendler*innen wieder deutlich gestiegen. Verlierer ist hingegen der ÖPNV. Teilweise liegt das Fahrgastaufkommen bei Bussen und Bahnen im Vergleich zum Vorjahr bei lediglich 50 bis 60 Prozent. Das Bedürfnis nach Abstand und Hygiene macht kollektiv genutzte Verkehrsmittel unattraktiv, auch Carsharing-Angebote sind daher weit weniger gefragt als zuletzt. Die Corona-Krise hat vieles verändert, auch unsere Mobilitätsgewohnheiten.

Doch was bedeuten die vielfältigen Veränderungen für die notwendige Verkehrswende? Und wie kann die Transformation zu einer nachhaltigen Mobilität unter den geänderten Bedingungen gelingen?

Die Unternehmen und Kommunen in der Region Stuttgart haben auch in diesem schwierigen Jahr gezeigt, was mit innovativen Ideen, kreativen Projekten und nachhaltigen Programmen erreicht werden. So hat der Stuttgarter Gemeinderat bereits Ende vergangenen Jahres ein 200-Millionen-Euro-Paket beschlossen, um die Landeshauptstadt bis 2050 klimaneutral zu machen. Das Aktionsprogramm „Weltklima in Not – Stuttgart handelt“ wurde am 20. Dezember mit sehr großer Mehrheit verabschiedet. Der CO2-Ausstoß soll demnach im Vergleich zum Jahr 1990 bis 2030 um 65 Prozent gesenkt werden, bis 2040 um 80 Prozent und bis 2050 um 95 Prozent. Erklärtes Ziel ist es, eine „vollständige nachhaltige Energieversorgung“ in der Landeshauptstadt zu erreichen, also das Prädikat „klimaneutral“ zu erlangen.

Eine der vielen festgeschrieben Maßnahmen ist, die Verkehrswende zu beschleunigen. Um das zu erreichen, erhält die Stuttgarter Straßenbahnen AG einen Zuschuss von knapp 13 Millionen Euro aus dem Klimatopf. Damit sollen unter anderem emissionsfreie Fahrzeuge angeschafft und neue Buslinien mit eigenen Fahrspuren geschaffen werden. Außerdem ist geplant, Gleisbette zu begrünen. Auch die Infrastruktur für E-Mobilität wird im Zuge des Programms erweitert, etwa durch einen Ausbau der Ladeinfrastruktur auf dem Killesberg mit 190.000 Euro. Das Budget für zwei „Autofreie Sonntage“ wurde auf 1,1 Millionen Euro verdoppelt. Zur Finanzierung der Maßnahmen nutzt die Stadt nach eigenen Angaben einen neuen Klimaschutzfonds, in den die Haushaltsüberschüsse aus dem Jahr 2018 geflossen sind. Das Geld ist laut Stadt als zusätzliches Budget zu den bereits im Haushalt vorgesehenen Mitteln vorgesehen. Beschlossen wurde all das unter dem grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Sein Nachfolger, der CDU-Politiker und Regionalrat Frank Nopper, steht nun in der Pflicht, das ambitionierte Aktionsprogramm umzusetzen.

Innovative Pläne verfolgt auch Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann. Sein Ministerium hat in Kooperation mit der landeseigenen Nahverkehrsgesellschaft NVBW die Mobilitätsdaten-Plattform „MobiData BW“ ins Leben gerufen – seit Mitte September diesen Jahres ist die verkehrsträgerübergreifende Integrationsplattform in Betrieb. „Digitale Mobilität erfordert auch vom Land neue Wege“, betonte Hermann zum Start. Digitale Informationen seien die Basis für flexible Verkehrsmittelwahl, zielorientierte Verkehrssteuerung und nachhaltige Verkehrsplanung. Ein zukunftsfähiges Mobilitätssystem sei deshalb auf eine Datenlandschaft angewiesen, die nicht nur intelligent miteinander verknüpft ist, sondern auch guten Zugang zu digitalen Informationen bietet. Aktuell werden auf der Plattform Daten zu ÖPNV-Fahrplänen und Haltestellen, zu Leihfahrrädern und -autos sowie zu Parkhäusern und Parkflächen bereitgestellt. Um die Verkehrswende auf diesem Weg voranzutreiben, will das Ministerium unter anderem auch die privaten Sharinganbieter für die Plattform gewinnen, damit künftig auch deren Fahrzeugstandorte und Verfügbarkeiten dort abrufbar sind.

Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Portals: www.mobidata-bw.de.

Neue Mobilitätskonzepte sind so gefragt wie nie, nachhaltig müssen sie sein und eine verbesserte Lebensqualität für Bürgerinnen und Bürger mit sich bringen. Immer häufiger spielen dabei die so genannten Mikromobile eine zentrale Rolle – also elektrisch angetriebene Kleinstfahrzeuge wie beispielsweise E-Scooter, E-Lastenfahrräder oder Leichtfahrzeuge. Mit ihnen ist die Hoffnung verbunden, Mobilität nachhaltiger und flexibler gestalten zu können. In der Daimlerstadt Schorndorf ist das Interesse an solchen Innovationen schon deshalb besonders groß, weil die Kommune schon lange mit der hohen Verkehrsdichte zu kämpfen hat. Abhilfe schaffen soll das Innovationsprojekt „Mikromobilität – nachhaltige Mobilitätslösungen für die Stadt von morgen“, das Anfang des Jahres gestartet wurde und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms „Mobilitätswerkstadt 2025“ mit knapp 100 000 Euro gefördert wird. Bis Ende des Jahres läuft noch die erste Förderphase, in der bei verschiedenen Beteiligungsformaten zusammen mit Bürgerinnen und Bürgern ein umfassendes Gesamtkonzept und verschiedene Szenarien für den Einsatz von Mikromobilität erarbeitet wurden.


Foto: Bebop Media/Heiko Potthoff

In der zweiten Projektphase, für die im Anfang Dezember ein neuer Förderantrag gestellt wurde, liegt der Schwerpunkt auf der Vorbereitung und Erprobung so genannten Mobilitätshubs, die ein breites Spektrum möglicher Fahrten mit Mikromobilen abdecken sollen. Konkret geht es dabei beispielsweise um den Einsatz von E-Scootern für Alltagsfahrten, Pendelverkehre oder dienstliche Wege. Das Projekt soll dabei dem öffentlichen Nahverkehr keine Konkurrenz machen, sondern ihn im Gegenteil stärken, weil auf diesem Weg die erste und letzte Meile abgedeckt werden kann. Die WRS unterstützt das Projekt durch ihre regionalen Netzwerke und ihre Expertise im Themenbereich Mobilitätsmanagement.

Ein weiteres Modellvorhaben im Bereich der Mobilität führt nach Waiblingen. Mit dem Förderprojekt „AMEISE – Automatisierter Linienbus in Waiblingen/Ameisenbühl“ erprobt die Kommune das weite Feld des autonomen Fahrens, um das Busverkehrsangebot zu erweitern und einen Beitrag für die klimafreundliche Verkehrswende zu leisten. Zwei kleine, im späteren Projektstadium nahezu vollautomatisierte Busse werden dabei auf einer neuen Linie im Waiblinger Gewerbegebiet „Ameisenbühl“ eingesetzt. Erforscht wird bei diesem Praxistest unter anderem die Datenkommunikation, also wie sich die autonomen Linienbusse im sonstigen Straßenverkehr zurechtfinden. Das Projekt wird von einem breiten und interdisziplinären Konsortium getragen. Vor wenigen Tagen hat Verkehrsminister Winfried Hermann bei einer Online-Veranstaltung den Förderbescheid für Phase 1 an den Leiter des Projektverbunds Prof. Dr. Ralf Wörner von der Hochschule Esslingen übergeben.

Am Ende des Projektes soll die Beurteilung wichtiger Zielgrößen und der Frage stehen, unter welchen Bedingungen autonomes Fahren im ÖPNV einen Beitrag zur Verbesserung des Modal-Splits und damit auch der umweltfreundlichen Personenbeförderung leisten kann. Neben Themen wie der Kommunikation mit der Infrastruktur und der Wirtschaftlichkeit wird dabei auch die Akzeptanz im Schülerverkehr sowie insbesondere von mobilitätseingeschränkten Personen untersucht. Oberbürgermeister Andreas Hesky verspricht sich jedenfalls einiges von den Erkenntnissen aus dem Projekt, wie er bei der Übergabe des Förderbescheids betonte: „Waiblingen hat in den zurückliegenden Jahren große Anstrengungen unternommen, um Mobilität nachhaltig zu gestalten und den ÖPNV noch weiter zu verbessern und umweltfreundlich zu gestalten“. Auch das Verkehrsministerium sieht in den (teil-)automatisierten Kleinbussen ein passgenaues Angebot für Fahrgäste, ohne dabei die Umwelt mit Lärm und Abgasen zu belasten.

Als ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer klimafreundlichen Mobilität der Zukunft ist in der Region Stuttgart das Thema Wasserstoff und damit verbunden die Brennstoffzellentechnologie auf dem Vormarsch. Insbesondere im Bereich größerer Nutzfahrzeuge, wie bei Lastern, Transportern oder im ÖPNV (Busse) müssen Fahrzeugbatterien eine enorme Größe und damit eine hohes Gewicht aufweisen, damit die Fahrzeuge ihre Leistung über zumindest mittlere Streckenlängen bringen können. Hier findet die auf Wasserstoff basierende Brennstoffzellentechnologie als alternative Antriebsart ihren Einsatz. Vor diesem Hintergrund verleiht die WRS bereits seit dem Jahr 2001 den f-cell Award, gemeinsam mit ihren Kooperationspartnern hat sie die f-cell Stuttgart auf den Weg gebracht. Dieser internationale Kongress zum Thema Brennstoffzelle und Wasserstofftechnologie findet im kommenden Jahr vom 14.-15. September 2021 auf dem Gelände der Messe Stuttgart statt.

https://wrs.region-stuttgart.de/nc/aktuell/termine/termin/artikel/f-cell-award-2020.html
www.messeninfo.de/f-cell-M1419/Stuttgart.html

Die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie kann im Verkehrssektor, neben dem batterieelektrischen Antrieb und anderen Konzepten wie den synthetischen Kraftstoffen, einen wesentlichen Beitrag für die Zukunft der Automobilwirtschaft leisten. Dabei hat die Zukunft bereits begonnen: in der Landeshauptstadt sind bspw. bereits seit dem Jahr 2014 vier Brennstoffzellenbusse der Stuttgarter Straßenbahnen AG im Linienbetrieb im Einsatz. Und der Landkreis Esslingen bringt in Kooperation mit der Hochschule Esslingen und weiteren Partnern aus der regionalen Wirtschaft das Projekt „Emissionsfreie Straßenmeisterei“ auf den Weg. In diesem Verbundvorhaben erwirbt und betreibt das Landratsamt zwei leichte Brennstoffzellen-Straßenbetriebsdienstfahrzeuge, die im Herbst 2021 in der Straßenmeisterei eingesetzt werden sollen. Das Projekt ist Teil des Wettbewerbsbeitrags „H2Rivers – Wasserstoffanwendung an Rhein und Neckar“ im Rahmen des HyLand-Förderprogramms beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur und somit förderberechtigt für Investitionszuschüsse des Bundes.

Weitere Informationen finden Sie auf der Projektwebseite des Landkreises Esslingen.

Auch das Umweltministerium Baden-Württemberg hat sich zum Ziel gesetzt, die Wasserstoff-/Brennstoffzellentechnologie auf den Weg zu bringen und das Förderprogramm „Modellregion Grüner Wasserstoff“ geplant. Ziel ist es, in einer ausgewählten Modellregion Wasserstoff als Energieträger zu verwenden und die damit verbundenen technologischen, wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkte zu beleuchten. Dabei darf der Strom ausschließlich aus erneuerbaren Energien gewonnen werden und aus diesem „grüner“ Wasserstoff produziert werden. In der Modellregion soll der gesamte Energiekreislauf in Projekten abgebildet werden und sowohl in mobilen Anwendungen (Fahrzeugen) als auch in der Gebäudeversorgung zum Einsatz kommen. Eine wissenschaftliche Begleitforschung ist Voraussetzung für den Zuschlag.

Auf diesem Wege soll die wirtschaftliche Umsetzung einer Wasserstoffwirtschaft in der Realität erprobt und die gesellschaftliche Akzeptanz für Wasserstoff als Energieträger erhöht werden. Die Gelder für das geplante Förderprogramm stammen aus dem Europäischen Fond für Regionale Entwicklung (EFRE) und vom Land Baden-Württemberg. Die Ausschreibung der Fördermittel soll im Februar 2021 erfolgen.

Die WRS wird sich gemeinsam mit ihren regionalen Partnern an der Ausschreibung beteiligen und die verschiedenen geplanten Teilprojekte zu einem integrierten Gesamtkonzept der Region bündeln.

Weitere Informationen zum Förderprogramm finden Sie auf der Programmwebseite des Umweltministeriums Baden-Württemberg.

Als weiteren Schritt zur Unterstützung des grünen Energieträgers hat die Landesregierung nun (am 15. Dezember 2020) die Wasserstoff-Roadmap Baden-Württemberg beschlossen. Diese beinhaltet einen Fahrplan für die kommenden Jahre, anhand dessen Baden-Württemberg zu einem führenden Standort für Wasserstofftechnologien werden soll.

„Wasserstoff ist eine Schlüsseltechnologie für den Klimaschutz. Es ist aber auch eine Zukunftstechnologie, um Wertschöpfung im Land zu erzielen, um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und um Arbeitsplätze zu schaffen“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann. „Wir kombinieren ökologische Notwendigkeit und ökonomischen Erfolg. Das ist seit langem unsere politische Linie.“
„Mit der Wasserstoff-Roadmap schafft die Landesregierung eine strategische Basis, um bei der Erforschung, Entwicklung und Nutzung moderner Wasserstofftechnologien vorne dabei zu sein. Wir haben dafür in Baden-Württemberg sowohl die Mittel als auch das Know How in Forschungseinrichtungen und Unternehmen“, ergänzte Umweltminister Frank Untersteller.

In der Roadmap werden die Handlungsschwerpunkte für das Land identifiziert und konkrete Maßnahmen festgelegt. Insgesamt sind 29 Einzelmaßnahmen aufgelistet, die gemeinsam mit Akteuren aus der Forschung, der Wirtschaft und aus Verbänden erarbeitet wurden. Neben dem Verkehrssektor als wichtigstes Anwendungsgebiet, geht es um Anwendungsmöglichkeiten im Industriesektor, wie in Raffinerien oder der chemischen Industrie. Außerdem sollen neue Infrastrukturen entwickelt und aufgebaut werden für die Erzeugung des erneuerbaren Stroms, für dessen Transport, Speicherung und Integration ins Energienetz.

Voraus geht der Roadmap eine Roland-Berger-Studie, die vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft BW in Auftrag gegebenen wurde. Laut der Studie „Potenziale der Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Industrie in Baden-Württemberg“ können baden- württembergische Unternehmen im Jahr 2030 einen Umsatz von bis zu neun Milliarden Euro und eine Bruttowertschöpfung von bis zu 2,3 Milliarden Euro erreichen und etwa 16.500 Arbeitsplätze entstehen, vor allem im Mobilitätsbereich. Damit könnte die Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Industrie einen wichtigen Beitrag zur zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts leisten, der im besonderen Maße vom Wandel der Automobilindustrie betroffen ist.

Die Landesregierung setzt auf die Potenziale, die sowohl aus forschungsseitig erprobten als auch in der Anwendung bewährten neuen Technologien und Anlagen für Baden-Württemberg entstehen könnten: „Wir sind gut aufgestellt in Baden-Württemberg“, betonte Ministerpräsident Kretschmann. „Damit das so bleibt und sich festigt, stellen wir jetzt die Weichen.“

Über diesen Link geht es zur Wasserstoff-Roadmap.

Bei weiteren Fragen zum Handlungsfeld Wasserstoff / Brennstoffzellen-technologie in der Region Stuttgart wenden Sie sich gerne per Email an die beiden Ansprechpartner in der regionalen Wirtschaftsförderung:

Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS)