Raus aus dem Schaufenster

Wie kann die Transformation vom führenden Automobilstandort zur führenden Mobilitätsregion gelingen? Welchen konkreten Beitrag können Wirtschaftsförderung und Verband Region Stuttgart leisten? Welche Rolle spielt dabei der öffentliche Nahverkehr? Und welche Schritte stehen als nächstes an? Eine Gesprächsrunde mit Dr. Walter Rogg und Dr. Jürgen Wurmthaler über die mobile Zukunft der Region Stuttgart.

Überall im Land werden Visionen entworfen, wie die Mobilität der Zukunft aussehen wird und wie die Menschen von einem Ort zum anderen kommen werden. In der Realität gibt es aber allzu oft noch Stillstand in den Metropolen und Ballungsräumen. Was muss passieren, um in der Region Stuttgart zu einer anderen Mobilitätskultur zu kommen?

Jürgen Wurmthaler: Ich finde, dass wir zunächst einmal unseren Blick für das Positive schärfen sollten. Wir haben in der Vergangenheit bereits sehr viel erreicht, beispielsweise bei der S-Bahn, die alleine zwischen 2011 und 2016 über 17 Prozent mehr Fahrgäste verzeichnen konnte. Das ist ein ganz enormer Zuwachs, den wir auch in anderen Bereichen haben. Wir sind insgesamt auf einem sehr guten Weg, dürfen uns aber keinesfalls auf dem Erreichten ausruhen. Kaum ein Bereich wird sich künftig so stark wandeln wie die Mobilität. Ein Trend ist die Digitalisierung, ein anderer die zunehmende Verschmelzung von Individualverkehr und öffentlichem Nahverkehr. Wir müssen mit der Zeit gehen und uns klare Ziele stecken. Fakt ist aber: Wir agieren aus einer guten Ausgangslage heraus.

Walter Rogg: Gleiches gilt auch für die regionale Automobilindustrie. Von den 1,2 Millionen Beschäftigten in der Region arbeitet jeder Sechste in dieser Branche, knapp 208.000 Menschen insgesamt. In ganz Baden-Württemberg sind es 300.000. Auch das ist zunächst eine sehr gute Ausgangslage, doch der Veränderungsdruck auf die Unternehmen wächst beständig. Entwicklungen wie Klimaschutzauflagen, neue Wettbewerber auf dem Mobilitätsmarkt oder die Vermeidung von Lärm, Staus und Schadstoffemissionen führen zwangsläufig zu einer umfassenden Transformation der Mobilität. Hinter vielem, was heute noch selbstverständlich ist, steht ein Fragezeichen. Wir haben daher aktuell ein Bündnis mit allen wichtigen Akteuren auf dem Arbeitsmarkt auf den Weg gebracht, von den Arbeitnehmern und Gewerkschaften über die Unternehmen selbst bis hin zu Arbeitsagenturen und den Kammern. Ziel ist es, sich Orientierung zu verschaffen, was diese Entwicklung in den nächsten Jahren konkret bedeutet. Welche Arbeitsplätze braucht man künftig noch, welche Ersatzteile, welche Zulieferer, welche Technologie? Und was sollen all jene machen, die nicht mehr gebraucht werden?

Portrait Walter RoggWalter Rogg: Unser Wohlstand hängt ganz enorm von der Mobilitätsindustrie ab

Was droht einem Ballungsraum, wenn er die Entwicklung in die Zukunft der Mobilität verschläft?

Walter Rogg: Wir alle kennen als warnendes Beispiel Detroit, einst die bedeutendste Industriestadt der Welt und Wiege der US-Automobilindustrie. Heute ist die Stadt in weiten Teilen unbewohnt und vieles verfällt. Man kann dort mühelos ein Haus für Tausend Dollar kaufen. In der Region Stuttgart bekommt man ein Haus derzeit kaum noch unter einer Million Euro. Was für ein gewaltiger Unterschied. Der Wohlstand in beiden Regionen hing und hängt ganz enorm von der Mobilitätsindustrie ab und wir müssen uns enorm anstrengen, um dieses Level zu halten. Unsere Hauptaufgabe für die nächsten Jahre wird dabei sein, die Transformation geplant zu gestalten und mit dem Ziel zu begleiten, für wegfallende Arbeitsplätze und Wertschöpfungsketten rechtzeitig neue zu schaffen, damit der Strukturwandel vom führenden Automobilstandort zu einer führenden Mobilitätsregion gelingt und auch international so vermarktet werden kann.

Jürgen Wurmthaler: Gleichzeitig müssen wir auch die Dynamik erhalten, die aus der Mobilität und ihrer Wirtschaftskraft resultiert. Neben einem wirtschaftlichen und einem verkehrlichen Aspekt gibt es ja auch noch eine soziale Komponente. Und das hat nicht nur mit dem Erhalt der Arbeitsplätze zu tun. Wir müssen dafür sorgen, dass sich auch künftig jeder Mobilität leisten kann. Wenn von vier Berufstätigen drei täglich pendeln, dann können wir es uns einfach nicht erlauben, dass Mobilität zum unerschwinglichen Gut wird. Den Verkehr mit Blick auf die vollen Straßen und Staus einfach teurer zu machen, ist daher keine praktikable Lösung.

Walter Rogg: Herr Wurmthaler hat absolut recht. Die Wirtschaft wird sich immer schneller verändern, die Anforderungen an kleinere und mittlere Betriebe nehmen immer mehr zu. Der Trend geht eindeutig zu noch größerer Flexibilität, noch mehr Tempo und Dynamik, noch mehr Veränderungsbereitschaft. All das setzt eine funktionierende und gut durchdachte Mobilität voraus.

Portrait Jürgen WurmthalerJürgen Wurmthaler: Wir brauchen einen Ausbau der Mobilitätsplattformen, für die Unternehmen wie Moovel und Bosch stehen.

Welchen konkreten Beitrag können Wirtschaftsförderung und Verband Region Stuttgart leisten, damit der Strukturwandel gelingt?

Jürgen Wurmthaler: Es gibt etliche Themen, die wir massiv anschieben. Beispielsweise die Mobilitätskarte, über die alle Angebote, die mit dem Nahverkehr verknüpft sind, leichter genutzt werden können. Wir brauchen eine durchgängige Digitalisierungsstrategie auf regionaler Ebene. Und wir brauchen einen Ausbau der Mobilitätsplattformen, für die etwa Unternehmen wie Moovel oder Bosch stehen. Der Verband Region Stuttgart und die WRS haben einige Förderschwerpunkte aufgelegt, um eine Entwicklung in diese Richtung zu unterstützen. Autonomes Fahren, E-Mobilität und betriebliches Mobilitätsmanagement: Das sind die drei Säulen, auf denen in den nächsten Jahren im regionalen Förderprogramm „Modellregion für nachhaltige Mobilität“ neue Ideen und Innovationen in der Region entwickelt werden sollen. Daher unterstützen wir die Kommunen darin mit Geld und anderen Leistungen.

Walter Rogg: Auch für uns steht die Förderung von Innovationen im Mobilitätsbereich mit seinen unterschiedlichen Facetten im Zentrum unserer Aktivitäten. Das beginnt bei der Gründungsförderung im Bereich neuer Mobilitätsdienstleistungen und führt über die Unterstützung von Kommunen bei der Umsetzung von nachhaltigen Konzepten bis zur Zusammenarbeit mit Unternehmen im betrieblichen Mobilitätsmanagement. In all diesen Bereichen haben wir unterschiedliche Aktivitäten entwickelt, Förderprogramme in die Region geholt und Modellprojekte initiiert. Parallel dazu organisieren wir begleitend auch die Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit.

Jürgen Wurmthaler: Eine entscheidende Aufgabe für die Zukunft wird immer mehr sein, in einer äußerst komplexen Umgebung zu überlegen, für welchen Zweck welches Mittel am besten geeignet ist. Geht es um kurze oder lange Strecken, sollen viele Menschen oder wenige befördert werden, gibt es den ganzen Tag über Bedarf oder nur zu bestimmten Zeiten? All das und noch mehr in einem Ballungsraum wie der Region Stuttgart mit ihren unzähligen Verkehrsbewegungen beurteilen zu können, würde unser Auffassungsvermögen bei weitem überspannen. Genau an diesem Punkt setzt die Digitalisierung an, die wir einsetzen wollen, um zur richtigen Zeit das richtige Verkehrsmittel am Start zu haben.

Portrait Walter RoggWalter Rogg: All das, was die Region Stuttgart bisher an Wirtschaftskraft auszeichnet, wird auch künftig eine wichtige Kompetenz bleiben.

Könnte zu diesen Verkehrsmitteln in Zukunft auch etwas Exotisches wie eine Seilbahn gehören, über die gerade wieder einmal diskutiert wird?

Jürgen Wurmthaler: Ich sehe sogar die zwingende Erfordernis, dass wir uns mit absolut jeder Form von Mobilität auseinandersetzen und gemeinsam überlegen, ob und wo wir sie gegebenenfalls am besten einsetzen können. Genau darin liegt unsere Aufgabe. Es gibt per se kein richtiges oder falsches Verkehrsmittel. Die Frage lautet vielmehr, für welchen Zweck etwas eingesetzt werden kann. So gesehen ist sicherlich auch eine Seilbahn ein Verkehrsmittel, das am richtigen Platz eine gute Wahl sein kann. Mit einer Seilbahn können geografische Hindernisse wie Flüsse oder Berge leicht überbrückt werden, sie läuft sehr zuverlässig und ist überschaubar im Unterhalt. Auf der anderen Seite ist ihre Kapazität natürlich begrenzt, etwa im Vergleich zur S-Bahn, die im Zwei-Minuten-Takt bis zu 800 Menschen bewegt. Die verschiedenen Möglichkeiten geschickt zu kombinieren, darin liegt die planerische und auch gesellschaftliche Herausforderung für die Zukunft.

Walter Rogg: Es gibt viele internationale Wettbewerber auf dem künftigen Mobilitätsmarkt, die ganz sicher nicht schlafen werden. Aber wenn wir es schaffen, das enorme Know-how in den Ingenieurswissenschaften und die Fertigungskompetenz im technischen Bereich noch stärker zu verknüpfen mit der Informationstechnologie, dann werden wir unseren Vorsprung nicht so leicht zu verlieren. Denn was diese Kombination wert ist, zeigt sich derzeit beispielsweise bei Tesla. Das Unternehmen konnte sich zwar beim autonomen Fahren und seinen elektrischen Antriebssystemen einen Vorsprung erarbeiten, hat nun aber massive Probleme bei der Fertigung großer Stückzahlen. All das, was die Region Stuttgart bisher an Wirtschaftskraft auszeichnet, wird auch künftig eine wichtige Kompetenz bleiben, die aber um neue Dimensionen erweitert werden muss. Um das zu realisieren, müssen wir verfügbare Flächen und Partner finden, Beteiligungs- und Förderprogramme auflegen, das Angebot an Fachkräften sichern. Bei all diesen Zukunftsfragen bieten wir unterstützend unsere Hilfe an.

Portrait Walter RoggWalter Rogg: Das Thema Mobilität muss auch raus aus dem Schaufenster, in dem wir es ausstellen.

Wie wichtig ist es, noch intensiver über Angebote wie Carsharing oder Bus on Demand aufzuklären und die Technologie erlebbar zu machen?

Walter Rogg: Marketing und Aufklärungsarbeit sind bei der Einführung neuer Technologien umso notwendiger, wenn sich das Nutzungsverhalten der Menschen ändern soll. Das Thema darf daher nicht nur für ein Fachpublikum interessant sein, sondern muss für alle sichtbar und spürbar gemacht werden. Wir laden unter anderem regelmäßig zu diversen Netzwerktreffen und Regionalkonferenzen mit Vertretern aus allen relevanten Bereichen. Dazu haben wir im Internet Plattformen mit Informationen aufgebaut und einen Aktionstag der Elektromobilität ins Leben gerufen. Die Menschen müssen sensibilisiert werden und es muss Berührungspunkte geben. Das ist ganz wichtig. Das Thema muss auch raus aus dem Schaufenster, in dem wir es ausstellen!

Jürgen Wurmthaler: Wie wichtig das ist, haben wir zuletzt auch bei der Einführung unserer neuen Expressbusse gemerkt, die seit Dezember 2016 auf drei Linien in der Region unterwegs sind. Die Strecken wurden so ausgesucht, dass sie als gut frequentierte Tangentialverbindung den öffentlichen Nahverkehr entlasten. Den stärksten Zuspruch haben wir bisher auf der Linie, die zwischen Waiblingen und Esslingen verkehrt. Zuvor mussten die Menschen erst mit der S-Bahn nach Stuttgart fahren und dort in eine andere S-Bahn umsteigen. Der Effekt ist ganz enorm und die Fahrgäste sind sehr zufrieden mit dem neuen Angebot, zumal die Busse bewusst komfortabel mit einem Standard ausgestattet wurden, den man ansonsten von Fernreisen kennt. Trotz allem hat es aber gedauert, das Angebot so bekannt zu machen, dass es auch angenommen wird. Und wir können in diesem Punkt immer noch zulegen, weshalb wir eine umfassende Marketingkampagne in der Region starten werden.

Walter Rogg: Eine wegweisende und öffentlichkeitswirksame Rolle auf dem Weg in die mobile Zukunft soll und kann auch die Internationale Bauausstellung in der Region Stuttgart spielen, die IBA StadtRegion Stuttgart 2027. Einer der Schwerpunktbereiche wird die Mobilität sein. Einerseits wollen wir beispielhaft neue städtebauliche Entwicklungen aufzeigen, die Wohnen und Arbeiten näher zusammenbringen, wodurch weniger Mobilität anfällt. Es geht gleichzeitig aber auch darum, ganz neue Mobilitätsformen auszuprobieren und vorzuführen. Daher wird es im Vorfeld in den großen Städten in der Region in den nächsten Jahren auch im Bereich Städtebau und Quartiersplanung einiges an Innovationen geben, das zu einer Reduzierung des Verkehrs und der Entwicklung einer nachhaltigen Mobilität beitragen kann. Ich kann mir beispielsweise gut vorstellen, dass in unseren historischen Stadtzentren wie Ludwigsburg, Esslingen oder auch Waiblingen mittelfristig nur noch elektrisch betriebene Fahrzeuge unterwegs sein werden, was….

…ein Wirtschaftsförderer eigentlich nicht gutheißen kann. Oder?

Walter Rogg: Selbstverständlich kann er das. Wir müssen natürlich gut durchdachte Logistikkonzepte für die Innenstädte entwickeln, etwa auf Basis kleinerer elektrisch betriebener Transporter. Gleichzeitig können wir mit einem entzerrten Beginn von Arbeit und Ladenöffnung dafür sorgen, dass sich nicht alles zur gleichen Zeit staut. Es gibt viele Stellschrauben und wir laden als Wirtschaftsförderung der Region alle Unternehmen herzlich ein, sich daran zu beteiligen und mit uns neue Konzepte auszuprobieren.

Jürgen Wurmthaler: Mobilität braucht daher immer einen staatlichen Rahmen. Es wäre ein Fehler, die Mobilität der Zukunft dem freien Markt und einem gnadenlosen Konkurrenzkampf zu überlassen.

Kann es gelingen, den so genannten ländlichen Raum dabei nicht zu vernachlässigen, also flächendeckende Angebote zu schaffen?

Jürgen Wurmthaler: Es kann und darf natürlich nicht sein, dass die Mobilitätsangebote nur in Ballungszentren gemacht werden, weiter draußen aber nicht. Das wäre auch insgesamt kontraproduktiv, weil die Angebote dann nicht richtig angenommen werden. Wenn es einen bestimmten Fahrradverleih als Ergänzung zum Nahverkehr nur direkt im Stadtzentrum gibt, nicht aber in angrenzenden kleineren Städten in der Region, dann wird es kaum jemand richtig nutzen. Wirklich Sinn machen solche Angebote vor allem dann, wenn es flächendeckend möglich ist, auf gleiche Art und Weise überall hinzukommen. Auch dabei gilt natürlich, dass wir klare und nachvollziehbare Rahmenbedingungen schaffen müssen. Konzessionen beispielsweise, wie im Taxigewerbe, die bestimmte Mobilitätsangebote schützen, damit es sich rechnet.

Welche Rolle spielen dabei die gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen, die beispielsweise in Form vom Kaufprämien für E-Fahrzeuge oder Fahrverboten für Dieselautos geschaffen werden können?

Jürgen Wurmthaler: Alle Ebenen des Staates haben sich bisher beim Thema Mobilität in allen Bereichen eingemischt – und das ganz zurecht. Wir brauchen Gesetze, Regulierungen, Förderungen, Zulassungen. Nun müssen diese Rahmenbedingungen auf die neuen Mobilitätsformen ausgeweitet und angepasst werden. Es ist nicht plausibel, eine Sache frei laufen lassen und die andere streng zu regulieren. Das zeigt sich deutlich am Konflikt zwischen dem Dienstleister Uber und der Taxibranche, die mit Lizenzen reguliert wird. Es kann nicht sein, dass ein Taxifahrer eine Konzession braucht und alles reglementiert ist und auf der anderen Seite ein Dienstleister wie Uber alles frei Schnauze machen kann. Umgekehrt brauchen neue Angebote aber auch verlässliche Rahmenbedingungen. Wenn etwas entwickelt wird, muss es auch zur Anwendung kommen können. Mobilität braucht daher immer einen staatlichen Rahmen. Es wäre ein Fehler, die Mobilität der Zukunft dem freien Markt und einem gnadenlosen Konkurrenzkampf zu überlassen.

Walter Rogg: Als Wirtschaftsförderer bin ich grundsätzlich eher gegen Regulierungen, damit sich die marktwirtschaftlichen Kräfte frei entfalten können. Bei der Mobilität sehe ich den Staat allerdings durchaus in einer wichtigen Funktion. Zum einen natürlich im Bereich der Infrastruktur oder der Förderung neuer Antriebssysteme und Technologien, die im Zuge der Digitalisierung möglich werden. Genau dabei brauchen wir aber auch jemanden, der genau hinschaut und den verantwortlichen Umgang mit persönlichen Daten sicherstellt.

Portrait Jürgen WurmthalerJürgen Wurmthaler: Das Smartphone hat enorm viel Schwung in die Sache gebracht.

Der Trend geht zu immer individuelleren Mobilitätsangeboten. In welche Richtung wird sich der öffentliche Nahverkehr entwickeln und welche Angebote werden in Zukunft dazugehören? Oder anders gefragt: Wo hört Nahverkehr auf und wo fängt Individualverkehr an?

Jürgen Wurmthaler: Das ist eine Frage der Definition und der Möglichkeit, die Angebote zu verknüpfen. Auch ein Leihfahrrad kann durchaus zum regionalen Verkehrsangebot einer Kommune gehören. Es fahren ja auch nicht in allen Ecken der Region städtische Verkehrsunternehmen, sondern auch eine ganze Vielzahl privater Unternehmen. Warum also sollte nicht auch ein Leihfahrrad von einem privaten Anbieter zum regionalen Verkehrsangebot gehören. Wichtig dabei ist nur, dass der Zugang über ein einheitliches Medium geregelt ist. Die Zukunft dabei liegt eindeutig im Smartphone. Was früher nicht gegangen wäre, funktioniert jetzt über Handy. In den vielleicht zehn Jahren, die es auf dem Markt ist, wurde wahnsinnig viel entwickelt in diesem Bereich. Das Smartphone hat enorm viel Schwung in die Sache gebracht.

Hat diese Entwicklung auch Schwung in die Innovationskultur in der Region Stuttgart gebracht?

Walter Rogg: Ein prosperierender Wirtschaftsraum wie die Region Stuttgart erleichtert es jungen Firmen, hier innovative Produkte zu entwickeln und einzuführen. Auch und gerade in Partnerschaft mit der Automobilindustrie. Es gibt eine stattliche Zahl an Start-up-Unternehmen in der Region, die sich mit diesen Themen beschäftigen. Es dürften aber gerne auch noch mehr werden. Allerdings muss man dabei auch sehen, dass Firmen wie Bosch und Daimler gut bezahlte Arbeitsplätze für Ingenieure bieten und ihrerseits viele Patente anmelden. Die Innovation kommt also so oder so. Die Menschen müssen sie aber auch annehmen. Doch da sehe ich die Region sehr gut aufgestellt.

Jürgen Wurmthaler: Das zeigt uns auch die Mobilitätsstudie 2017 der renommierten Unternehmensberatung PwC, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) veröffentlicht wurde. Demnach belegt die Landeshauptstadt bei der Digitalisierung der Mobilität knapp hinter Hamburg den zweiten Platz im Reigen aller Städte. Das ist eine ganz hervorragende Ausgangsbasis, wenn man überlegt, wie viele große Städte es gibt. Wir orientieren uns aber nicht nur im bundesweiten Vergleich, sondern schielen gleichzeitig auch nach London, wenn es um die Digitalisierung der Schiene geht. Oder wir schauen nach Madrid und Barcelona. Wenn es um die Weiterentwicklung serviceorientierter Mobilitätsplattformen geht, sind vor allem die skandinavischen Länder wie Finnland ein gutes Vorbild. Und beim Thema Mobilität im Internet haben wiederum insbesondere die baltischen Länder innovative Entwicklungen, die es sich anzuschauen lohnt. Wenn wir wirklich führend bleiben und bei dieser rasanten Entwicklung nicht abgehängt werden wollen, müssen wir uns nach allen Seiten orientieren und von den Besten lernen.

Walter Rogg: Und ich bin sehr zuversichtlich, dass uns dies auch gelingen wird. Schließlich wurden wir nicht umsonst als Modellregion und Schaufenster Elektromobilität vom Bund ausgezeichnet. Unsere Unternehmen investieren neun Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. Im Ergebnis ist das ein gewaltiges Labor für neue Mobilitätsformen und Angebote, neue Technologien und Prozesse. Da braucht man nicht Angst zu haben vor der Zukunft.